Thriller - Endgültig von Andreas Pflüger *** Ein Highlight 2016

05 März 2016


Mit einer sprachgewaltigen Leidenschaft geschrieben. Hochintelligent, explosiv und dramatisch

Jenny Aaron ist Verhörspezialistin und Fallanalytikerin beim BKA. Seit einem spektakulären Einsatz der international operierenden Eliteeinheit der Polizei ist sie blind und traumatisiert. Sie ist hochintelligent und sie kämpft sich ins Leben zurück, doch der Weg dorthin ist steinig wie eine Geröllwüste.

Als der zu lebenslanger Haft verurteilte Frauenmörder Reinhold Boenisch im Gefängnis eine Psychologin tötet, wird Aaron gebeten sich diesem Fall anzunehmen, da sie als junge Polizistin gegen diesen Täter ermittelte.

Als Verhörspezialistin kommt Aaron schnell zu dem Schluss, dass Boenisch nur ein winziger Teil eines großen und durcheinandergewirbelten Puzzles ist, der für ihr Leben eine neue gefahrvolle Herausforderung darstellt und sie erneut in höchste Lebensgefahr hinabzieht.

Die nächsten 36 Stunden lassen sie um Leben und Tod kämpfen und sie verlangen das Unmögliche von ihr, denn sie ist blind.
„Ihr schlimmster Tag ist heute!“

Das Cover ist in seiner Schlichtheit ein edler Hingucker. Der Titel ist in schwarzen Lettern, silbentrennend untereinander auf dem Buchdeckel platziert. Die Buchstaben des Titels verschwinden in ihren Konturen schemenhaft und werden andeutungsweise unscharf. Der absolute Hingucker ist der Buchtitel in Brailleschrift (Blindenschrift), die so den Bezug zur Handlung dargtellt. Die leuchtend gelben und erhabenen Braillepunkte, für jeden Sehenden ein Rätsel, lassen sich leicht und geheimnisvoll ertasten.
Andreas Pflüger studierte Theologie, Germanistik und Philosophie. Nach dem erste Prosa- und Lyrikarbeiten von ihm veröffentlicht wurden, gründete er in den 80er Jahren die Comédie Berlin mit Stefan Warmuth und produzierte Theater- und Revueproduktionen. Es folgten Hörbuch- und Theaterarbeiten. Andreas Pflüger produzierte Dokumentarfilme und schrieb vor allem Drehbücher. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. 2004 schrieb Andreas Pflüger seinen ersten Roman „Rubikon“, einen Politthriller, der von Kritikern hoch gelobt wurde. Die Drehbücher zum gleichnamigen Film stammen ebenfalls aus seiner Feder. Es folgten zahlreiche Drehbücher für Tatort, Ein Fall für zwei, Großstadtrevier und Im Namen des Gesetzes. Einen Teil seiner Arbeiten veröffentlichte er unter seinen Pseudonymen Paul Grün und Anathol Roth.
Die Sprache die Andreas Pflüger in diesem Thriller als Werkzeug anwendet ist gewaltig, aufwühlend und manchmal explosionsartig. Er lässt „kleine kugelrunde Nikoläuse kichernd im Bauch umherpurzeln“, statt von Schmetterlingen im Bauch zu schreiben. Seine Sprache ist niemals umgangssprachlich, anmaßend oder von Ekel behaftet, sondern stets in einem anspruchsvollen, niveauvollen Stil. 

Kurze, prägnante Sätze zwingen mich in einem sehr hohen Tempo zu lesen. Jede Unachtsamkeit von mir wird sofort bestraft, denn detailreiche Szenarien oder tiefgründige und komplexe  Gedankengänge der Protagonisten verlangen ein hohes Maß meiner Konzentration, die mich dann aber mit fesselnder Spannung, hochintelligenten, überraschenden Verschachtelungen und berührender Emotionalität belohnt. Das Genre Thriller passt auf den Punkt.

Beim Lesen dieses Buchs spüre ich die Leidenschaft, wie kaum zuvor, mit der Andreas Pflüger schreibt. Ich bin so gefesselt und fasziniert, dass ich das Ende nicht erlesen will.

Der rote Faden –Spannung- reißt in diesem Buch niemals ab. Spannungshöhepunkte sind so zahlreich, dass ich zwischen ihnen kaum Luft zum Atmen holen kann, bis erneut ein Höhepunkt den nächsten jagt.

Die Erzählstränge, sehr verdichtet geplottet, springen von der Gegenwart in die Vergangenheit. Sie lassen mich das Hier und Jetzt miterleben, als sei ich in Mitten des Geschehens. Sie geben mir maßvoll zurückliegende Informationen. Nur so ist es mir möglich einen guten Gesamtüberblick von Lebensumständen der Figuren, von dramatischen Ereignissen und gigantischen Verschachtelungen zu bekommen. Sie helfen mir die Handlung richtig einzuschätzen und so kann ich mich rechtzeitig zusammenkrümeln, wenn es erneut gewaltig brenzlig wird.

Die Schauplätze sind authentisch nachgezeichnet und so glaube ich mich in Berlin oder Barcelona zu befinden. Ich erkenne historische Orte wieder und kann mich einfach mittreiben lassen. Geschickt werden geschichtliche Ereignisse wie „die Stürmung der Landshut“ mit in der Handlung verflochten. Der Spagat von Realität zu fiktiver Geschichte gelingt Andreas Pflüger scheinbar wie im Schlaf.

Die Handlung lebt in diesem Thriller von den außergewöhnlichen Charakteren, von denen einige eine besonders hohe soziale Kompetenz besitzen und die so die Authentizität der Geschichte untermauern und harmonisch abrunden. Ob Gut oder Böse, jede Figur besitzt ein eigenes Leben, das Höhen und Tiefen wiederspiegelt. Diese tiefgründigen Inhalte, der vielseitigen Story, designen diese dynamisch und vollenden sie.

Pavlik, Präzisionsschütze, Hayabusa-Fan und Menschenkenner mit einem überragenden Gedächtnis, arbeitet mit Aaron Hand in Hand. Sie sind ein Team und es verbindet sie ein besonderes Band aus Kollegialität und Freundschaft. Sie kämpfen gemeinsam gegen einen hochintelligenten Täter, der alle Geheimnisse von Aaron zu kennen scheint und der kurz davor ist, einen Bus mit 30 Kindern emotionslos in die Luft zu jagen.

Neben allen außergewöhnlich gut ausgearbeiteten Charakteren, die jeweils einer klaren Logik folgen, ist Andreas Pflüger der anspruchsvolle und tiefgründige Charakter der erblindeten Aaron meisterhaft gelungen. Allein präzise und intensive Recherchen können zu dieser authentischen Glanzleistung geführt haben.

Jenny Aaron, Tochter eines GSG 9 Beamten, der seinerzeit bei der „Stürmung der Landshut“ eine maßgebliche Rolle spielte, schenkt Aaron zum 18. Geburtstag eine Pistole. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf und führt Aaron in den Polizeidienst. Ihre Karrieresprünge sind enorm, oft leidet sie jedoch darunter, die Tochter ihres Vaters zu sein. Als Aaron erblindet ist er es, der sie motiviert Perfektionen zu erreichen, die normalerweise nur Geburtsblinde beherrschen können.
„Zwischen Worte tasten.
Das Verborgene fühlen.
Dem Schall von Lügen lauschen.“

Die Elitepolizistin schnalzt mit der Zunge, sie trägt Pumps mit Pfennigabsätzen und saugt die Informationen dieser Geräusche von Schall und Echo auf, um sich zu orientieren, denn sie sieht nur grob verpixelte Bilder und nimmt die Größe und dichte von Objekten wahr.

Ihre eigenständige Mobilität ist unvergleichbar und so geht sie voller Tempo durch ihr schwieriges Leben, in dem sie den Tod zu ihrem Freund gemacht hat. Für den Leser hört die Faszination über diese außergewöhnlichen Fähigkeiten in diesem Buch nie auf, denn es ist lehrreich, dass der erkennbare Unterschied zwischen einem Salz- und einem Pfefferstreuer in dem Klang von Salzkörnern liegt.

„Der Wille muss größer sein als die Furcht“
Dieser Thriller ist ein gigantisches „Must Have“. Er ist außergewöhnlich und wird garantiert jeden Thriller-Fan zutiefst begeistern. 

Für mich ist dieses Buch schon jetzt ein Lese-Highlight 2016 und ich wünsche mir unbedingt eine Fortsetzung mit Aaron und Pavlik.
 

Titel: Endgültig

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe :07.03.2016
  • Aktuelle Ausgabe : 07.03.2016
  • Verlag : Suhrkamp
  • ISBN: 9783518425213
  • Fester Einband 459 Seiten
  • Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Huhu! :)

    Ich hab gestern auch das Buch beendet und meine Rezension gerade hochgeladen. :) Ich bin immer noch total gefangen. Ich glaub, ich hab noch nie einen sehr guten Thriller mit so vielen stillen Zeilen gelesen.

    Herzige Grüße
    Jane :)

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    1. Hey Jane,

      ja, dieser Thriller wird noch sehr lange nachwirken. Ich habe ihn wirklich sehr genossen und bin selten so begeistert. Dann komm ich mal schnell bei dir vorbei gehuscht :-).

      Schönen Sonntag noch,

      Nisnis

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  2. Hi Nisni,

    hört sich echt Wow an deine Rezension. Deine Begeisterung schwingt in jedem Satz mit, ich kann sie förmlich hören. Finde ich Superklasse, tolle Worte und geniale Sätze. Weiter so!

    Ganz liebe Grüße,
    Liljanas

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    1. Ganz lieben Dank für dein liebes Kompliment, dass motiviert unfassbar :-).

      Sei lieb gegrüßt,

      Nisnis

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    2. Ich weiß, freue mich auch immer wie verrückt über ein Kompliment.... �� Dann weiß ich, dass ich meine Sache gut mache ;-)

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  3. Hallialo

    Ich freue mich wahnsinnig auf das Buch. Müsste morgen bei mir eintrudeln :-)

    Tolle Rezi. LG, Gisela

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