Thriller - Im dunklen, dunklen Wald von Ruth Ware

07 November 2016

Unverheilte Wunden. Geliebt. Geirrt.


Überraschend erhält Nora eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemaligen Schulfreundin Clare. Nora kann Clares Einladung nicht nachvollziehen, denn seit den schmerzlichen Ereignissen von vor zehn Jahren hatten sie keinen Kontakt mehr miteinander.

Erst als Noras Freundin Nina zusagt, nimmt sie die Einladung mit einem unguten Bauchgefühl an und begibt sich damit in ein ungewisses Wochenende und in ein Haus, in einem dunklen, dunklen Wald in Nordengland.
Den Thriller „Im dunklen, dunklen Wald“ von Ruth Ware habe ich im Rahmen einer Blog-Aktion des dtv Verlags gelesen. Gemeinsam mit Kasin & crumb von KeJas-BlogBuch und vielen weiteren Lesern und Bloggern haben wir eine spannende und lustige Lesenacht verbracht. Auf KeJas-BlogBuch und auf Twitter unter #dunklelesenacht könnt ihr alle Beiträge und Kommentare dazu nachlesen.
Ruth Ware wuchs im südenglischen Lewes auf und lebte nach ihrem Studium an der Manchester University eine Zeit lang in Paris. Sie hat als Kellnerin, Buchhändlerin, Englischlehrerin und Pressereferentin für einen großen Verlag gearbeitet und wohnt jetzt mit ihrer Familie in Nordlondon. (Quelle: dtv Verlag)
Der Einstig in die Geschichte ist mir sehr leicht gelungen, da die Debüt-Autorin in einem angenehmen, sanften und flüssigen Stil schreibt. Für die Hauptfigur Nora wählte sie die Ich-Perspektive, die so ein besonders tiefes Eintauchen in deren Leben, Psyche und Gedankenwelt erlaubt.

Als Nora die Einladung zu Clares Junggesellinnenabschied erhält, ist diese so verwundert und zugleich verunsichert, dass ihr Alltag aus dem Gleichgewicht gerät. Nora hat seit den damaligen Ereignissen, dessen Wunden nie ganz verheilt sind, keinen Kontakt mehr zu Clare gepflegt, sodass sie die Einladung regelrecht verwirrt. Nora, die ein äußerst zurückgezogenes Schriftstellerleben in London führt, entschließt sich dennoch, wenn auch mit einem unwohlen Bauchgefühl, die Einladung anzunehmen.

Die geladenen Partygäste staunen, als sie den Ort der Party erblicken. Inmitten des dunklen Waldes ragt ein Gebäudekonstrukt aus Glas und Stahl aus dem Waldboden, weit abseits von funktionierendem GPS. Nackt, kalt und anonym. Ein skurriles Bild. Das Ferienhaus ist rundherum vollständig verglast, sodass es von allen Seiten uneingeschränkt einsehbar ist. Es wirkt unheimlich, wie ein gläserner Käfig, der jedes Leben darin vollständig entblößt.

Ruth Ware lässt die Party mit bizarren Spielen beginnen, die die Persönlichkeiten der Gäste durch vorsätzliche Grausamkeit und Niedertracht immer weiter offen legen. Sie zeichnet so einen psychologisch guten Aufbau, der die Handlung zu einem emotionalen Drama heranwachsen lässt. Ruth Wares schriftstellerisches Talent glänzt bei der Erschaffung ihrer Charaktere, sodass ich als Leser sehr tiefe Einblicke in die Psyche der Protagonisten gewährt bekomme bis der Showdown die Figuren gläsern und durchscheinend offen legt.
Menschen ändern sich nicht, 
sie werden nur besser, 
ihr wahres Ich zu verbergen“

Flo, Trauzeugin und Organisatorin der Party, hält Clare für das schönste und perfekteste Wesen auf Erden. Sie eifert ihr in allem nach und setzt sich zum Ziel den perfektesten Junggesellinnenabschied ever zu gestalten. Dabei überschreitet sie maßlos alle denkbaren Grenzen, droht, ist hysterisch und wirkt krankhaft besessen. Daneben erscheint Melanie, junge, glückliche Mutter, wie ein zartes und stilles Mauerblümchen. Tom, homosexueller, gut gekleideter Theatermensch, der mit Kokain die Party in Gang bringen möchte, ist der einzige Mann auf der Party.

Clare und Nora verbindet eine lange Freundschaft und ein Ereignis, das zehn Jahre zurückliegt. Nora hat es lange Jahre verdrängen und vergessen wollen. Clare war damals der Sonnenschein, in deren Schatten sich die immerzu defensive Nora einigermaßen stark und dazugehörend fühlte. Clare strotzte schon immer vor Selbstbeherrschung und sie nutzte ihr Talent und Faible für das Erfinden von Geschichten stets so wie es ihr gerade passte, auch wenn sie ihre Freundinnen damit verletzte.

Die letzte im Bunde ist die kratzbürstige Nina. Ärztin mit brasilianischen Wurzeln, die sich durch ihren Sarkasmus vor dem Leben schützt. Sie alle haben Geheimnisse, die in der Handlung geschickt miteinander verwoben sind. Als Unheimliches und ein Mord geschieht, besitzt der Leser genug Informationen, um mögliche Motive abzuwägen. Für mich stellten sich das Ende und die Auflösung jedoch als eine Überraschung dar, die ich so nicht erwartet hätte.

Während die Handlung leider nur sehr langsam vorangetrieben wird, in der eine unheimliche Grundstimmung nur gleichmäßig existiert, wird diese abwechselnd um Kapitel ergänzt, in denen Nora nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Nora kann sich allerdings nicht erinnern was passiert ist. Ihr fehlt zunächst jede Erinnerung.

Dieses Debüt ist lesenswert, doch für mich persönlich beherbergte es nicht ausreichend genug Thrill, um mich restlos zu überzeugen. Die Idee der Geschichte hat mir gefallen, ins Besondere die Zeichnungen der Charaktere, doch der Leseweg durch die Handlung war mit seinen Längen für mich eine Herausforderung. Denn erst weit nach der Mitte des Buchs stieg die Spannungskurve an, sodass ich gefesselt weiter las.
Im dunklen, dunklen Wald ist ein lesenswertes Debüt, dem einiges mehr an Tempo und Thrill gut getan hätte. Ruth Ware hat talentiert und ideenreich geschrieben und ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nächsten Buch ihr schriftstellerisches Potenzial noch besser bündelt.


Autor: Ruth Ware

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 23.09.2016
Aktuelle Ausgabe : 23.09.2016
Verlag : dtv Verlag
Flexibler Einband 384 Seiten

Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Huhu,

    eine sehr schöne Rezi. Die Lesenacht hat mir richtig gut gefallen und ich hoffe mal auf baldige Wiederholung. Zwar halte ich nie so lange durch, wegen der Kids, aber egal.

    Liebe Grüße
    Mone

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    1. Liebe Mone,

      eine Wiederholung ist tatsächlich schon in Planung :-). Da nicht jeder von uns eine Nachteule ist, planen wir ein ganzes Wochenende.

      Ich fand die Lesenacht ebenso spannend und toll wie alle. Schon die Vorbereitung hat viel Spaß gemacht.

      Ihr wart alle total klasse!

      Sei lieb gegrüßt und bis bald,

      Nisnis

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  2. Tolle Rezi! Bei einer neuen Lesenacht, wäre ich gerne dabei!

    LG Tanja

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    1. Hey Tanja,

      schön, dass wäre toll. Ich sage dir bescheid.

      Ein erste Planung findest du hier:

      https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=280904758976996&id=100011724221927&pnref=story

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  3. Die Rezi macht es mir jetzt noch schmackhafter, das Buch klingt richtig gut. Ich mag es, wenn es etwas ruhiger abläuft und sich das Thema eher subtil entfalten kann. Bin gespannt!

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Hi Nicole,

      dann kann ich mir gut vorstellen, dass du es mögen wirst.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend noch,

      Nisnis

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  4. Oh ja, ähnlich & doch grundverschieden sind unsere Eindrücke, aber das macht ein gemeinsames Lesen & die gegenseitigen Rezensionsbesuche doch umso spannender ;)

    Schön war die Lesenacht, gerne Wiederholungstäter dessen ;) Nur nicht als einzige Nacht, auch wenn ich durch gehalten habe, den Sa. war ich wirklich durch -.- *lach

    Ganz liebe Grüße lasse ich dir da :-*
    [http://kejas-blogbuch.de/]

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    1. Liebe crumb,

      auch alle Rezensionen von uns zu lesen ist sehr spannend. Ich freue mich schon auf unser nächstes, gemeinsames Lesen :-).

      Viele liebe Grüße

      Nisnis

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  5. Hallo Nisnis,

    der Titel und die Inhaltsangabe klingen wirklich nach einem spannenden Buch. Schade, wenn zwischendurch dann mal die Spannung abflacht oder der Thrill nicht ausreichend ist. Ich überlege noch ob ich es lesen werde.
    Danke für deine tolle Rezension. :)

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Liebe Nicole,

      ja der Spannungsabriss und Langatmigkeit können einem schon ein paar Nerven kosten, doch es ist dennoch ein lesenswertes Debüt.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  6. Liebe Nisnis
    dieses Buch erwartet mich auch noch, deswegen hab ich mir die Rezension jetzt nicht direkt durchgelesen, damit ich mir meine eigene Meinugn noch bilden darf.
    Ich wollte dir aber schnell noch danke sagen, dass du mir so viele und liebe Kommentare hinterlassen hast.
    Mittlerweile hat es heute minimal geschnippelt, da war aber mehr Regen als Schnee vorhanden :)

    Sei lieb gegrüßt
    Nicole

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    1. Liebe Nicole,

      so handhabe ich es auch. Ich lese Rezensionen nur dann, wenn ich das Buch in Zukunft lesen möchte, nicht aber wenn ich es schon auf dem SuB liegen habe, um wirklich mein persönliches Empfinden mit dem Buch zu erleben.

      Hier hat es noch nicht geschneit, aber die Temperaturen sind schon ungemütlich genug :-).

      Sei besonders lieb gegrüßt,

      Nisnis

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  7. Hey :)

    Da hab ich doch glatt vergessen, noch einen Kommentar zu schreiben ... Ihr wart ja alle nach der Lesenacht so fleißig beim Rezensieren - wow. Aber im Moment fehlt mir irgendwie die Ruhe, meine Gedanken zu dem Buch aufzuschreiben *seufz*.

    Liebe Grüße
    Ascari

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    1. Liebe Ascari,

      ich hatte mir während des Lesens sehr viele Notizen gemacht, sodass mir die Reuension dann auch tatsächlich sehr leicht viel. Aber, manchmal benötige ich einige Tage, muss die Handlung sacken lassen, bevor ich mit einer Rezensionen anfangen kann.

      Ich freue mich schon sehr auf deine Gedanken zum Buch.

      Herzallerliebste Grüße

      Nisnis

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