Thriller (Science-Fiction) - BIOS von Daniel Suarez

04 Dezember 2017

Evolution nach Plan

Bizarres Science-Fiction-Szenario über Gen-Kriminalität

Stell dir vor du schaust in den Spiegel und dir blickt ein dir fremder Mensch entgegen. So geschehen in Daniel Suarez Science-Fiction-Thriller BIOS. Die Story schreibt das Jahr 2045. Die Gentechnologie ist inzwischen so weit, dass das Gen-Editing zur Vermeidung von Gendefekten und tödlichen Erkrankungen an Embryonen erlaubt ist. Die UN-Konventionen erlauben jedoch nicht, dass das Ungeborene durch Gen-Manipulation maßgeschneidert wird.

High-Tech-Kriminelle und Syndikate ermöglichen Eltern, durch eine Editierung die Gen-Ausstattung ihrer ungeborenen Kinder zu beeinflussen. Ob sie ihren Kindern blaue Augen wünschen, eine hohe Intelligenz anstreben oder ob sie ihnen eine Sportlerkarriere durch eine höhere Leistungsfähigkeit ermöglichen wollen, ist illegal nur noch eine Frage des Geldes.

Michael Durand ist Interpol-Agent und jagt Verbrecher, die weltweit unethische Gen-Kriminalität betreiben. Im Fokus steht dabei das Syndikat der Huli jing mit dem brutalen Marcus Demang Wyckes an der Spitze.

Als Durand durch ein kriminelles IT-Manöver mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Singapur vorliebnehmen muss, spürt er plötzlich den Einstich einer Injektion, bevor er bewusstlos zusammenbricht und ins Koma fällt. Wochen später erwacht er an einem fremden Ort und sieht sich im Spiegel Marcus Demang Wyckes gegenüber, dem brutalen Verbrecher, Massenmörder und Sklavenhändler, den er unermüdlich, aber bisher erfolglos gejagt hat. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn nun jagt Interpol Durand.


Bevor Daniel Suarez mit dem Schreiben begann, machte er als Systemberater Karriere und entwickelte Software für zahlreiche große Firmen der Militär-, Finanz- und die Unterhaltungsindustrie. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 2006 unter Pseudonym im Eigenverlag. Nachdem das Buch die Internet- und Gaming-Community im Sturm erobert hatte, wurde ein großer Verlag darauf aufmerksam. In der neuen Ausgabe avancierte «Daemon» zum Bestseller; eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Daniel Suarez lebt und arbeitet in Kalifornien. (Quelle: Rowohlt Verlag)



Mit seinem Roman BIOS hat Daniel Suarez ein bizarres, erschreckendes, aber vor allem vorstellbares Gentechnik-Szenario gezeichnet. Als Leser kann man nur hoffen, dass die hier düster beschriebene Gen-Kriminalität noch lange utopisch bleiben wird.

Der Einstig in die Geschichte gelingt durch den flüssigen Schreibstil mühelos. Suarez zeichnet ein Bild der Technologien, die im Jahre 2045 selbstverständlich sind. Von Drohnen-Lieferservices, automatisiert fahrenden E-Mobilen, Helikopterflügen ohne menschliche Piloten, bis hin zu leuchtenden Bäumen, die als Lichtquelle dienen, taucht man ein in eine Welt, die uns so fern gar nicht mehr ist.

Leider überspitzt Suarez meines Erachtens die schriftstellerische Freiheit der Wortfindung, wenn er Begrifflichkeiten der Zukunfts-Technologien benennt. Mit Fortschreiten der Handlung bin ich davon sogar genervt, obwohl ich andererseits eine gute Recherche zur Thematik Gen-Technologie erkennen kann.

Die Geschichte um den Interpol-Agenten Durand ist zunächst sehr spannend und ich verfolge interessiert das Horror-Szenario, als sich Durand mit dem Blick im Spiegel dem Verbrecher gegenübersieht, den er bisher mit Herzblut gejagt hat. Früh erklärt es sich, dass der brutale Massenmörder und Syndikats-Chef Wyckes Durands Gene manipuliert hat. Auch das Warum ist für den Leser nachvollziehbar und intelligent ins Bild gesetzt, so dass man zügig durch die Seiten liest. Doch mit Zunahme der Seitenzahl durchschaut man, dass da außer Action nichts Großes mehr kommt, außer das Durand auf der Flucht viele gefährliche Hürden meistern muss, die durchaus spannend erzählt sind, aber zahlreiche Nebenschauplätze plämpern vor sich hin, ohne das Bewegung in die Spannungskurve kommt.

„Er ist ein Enantiomorph.“Durand starrte weiter auf den Screen. „Spiegelbildliches Leben. Deshalb können ihm Biotoxine nichts anhaben. Auch keine Humanviren, - parasiten oder – kranheiten. Weil er die Umkehrung von Leben ist.“„Verstehe ich nicht“. Frey schnippte mit den Fingern, auf der Suche nach Worten. „Chiralität. >Händigkeit> - nicht buchstäblich natürlich, aber eine bestimmte Anordnung der Atome. Die lässt sich umkehren – von links nach rechts und von rechts nach links. Dann haben die Moleküle zwar noch dieselbe chemische Formel, sind aber spiegelbildlich zueinander. Und interagieren deshalb verschieden mit anderen Substanzen, obwohl sie rein formal dieselbe Verbindung darstellen.“ „Und Sie glauben, dieser Mann...“„Ist eine Umkehrung. Alle komplexen Organismen auf der Erde bestehen aus linksdrehenden oder Levo- Aminosäuren. ... (Zitat)

Daniel Suarez hat seinen inhaltlichen Schwerpunkt sehr stark auf die Technologien im Jahr 2045 fokussiert. Absolut gut recherchiert und verargumentiert wird Gentechnik, Gen-Manipulation und Gen-Kriminalität in die fiktive Geschichte mit eingebunden, doch vielen Charakteren nimmt er so den Raum für Intensität. Ansatzweise gelingt es Suarez eine Tiefe zu produzieren, doch sie blitzt nur viel zu gelegentlich auf. Was Suarez jedoch schafft ist, dass man während des Lesens selbst eine Tiefe in die Geschichte hineininterpretiert, da Gentechnik, wie zum Beispiel die embryonale Genforschung, schon manches Mal in unserer heutigen Zeit zur Diskussion stand. Man beginnt nachzudenken und überlegt für sich, was moralisch richtig oder falsch sein kann und Nachdenken tut uns bekanntlich recht gut.

Im Nachhinein würde ich Suarez ans Herz legen wollen, seine Charaktere intensiver zu zeichnen und das Agieren der Figuren noch mehr in den Vordergrund zu rücken.


Daniel Suarez hat mit Bios ein bizarres, erschreckendes, aber vor allem vorstellbares Gentechnik-Szenario gezeichnet. Als Leser kann man nur hoffen, dass die hier düster beschriebene Gen-Kriminalität noch lange utopisch bleiben wird.

BIOS ist ein lesenswerter, spannender und actiongeladener Science-Fiction-Thriller, doch eine Spur mehr inhaltliche Dramaturgie und das Handeln vielfältigerer Figuren hätte diesem Roman das gewisse Fünkchen an Tiefe verliehen.

Was bleibt ist die Frage:

„Kommt unsere Identität aus unserem Herzen oder aus unserer DNA?“


©nisnis-buecherliebe


Titel: BIOS



Erscheinungsdatum Erstausgabe: 17.11.2017

Aktuelle Ausgabe: 17.11.2017

Flexibler Einband 544 Seiten


Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Liebe Anja,

    vielen Dank für deine tolle Rezi, die ich wie immer verschlungen habe :-) „BIOS“ steht schon auf meiner Wunschliste, und nach deiner Rezi wandert es wieder weiter nach oben.

    Liebe Grüße
    Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      das ist fein und ich freue mich immer sehr über deine lieben Kommentare. Ich bin wirklich gespannt, wie dir BIOS gefallen wird.

      Herzliche Grüße

      Anja

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  2. Hallo Anja,
    vom Thema her hätte ich sofort zugeschlagen :-). Ich mag ja so kritische Blicke in die technische Zukunft, ich finde sie wichtig.
    Aber nach deiner Rezension warte ich wohl lieber ein anderes Buch ab, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Ich fürchte sogar, ich hätte abgebrochen. Vielen Dank für deine Kritik!

    Geht es deinem Finger schon besser oder tippst du mit dem "Adlersystem"? Alles Gute und eine schöne Woche dir!

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    1. Liebe Iris,

      das Tippen fällt schon noch ein bisschen schwer, aber der Finger heilt gut. Wenn ich mich nur nicht dauernd daran stoßen würde *augenverdreh*.

      BIOS ist thematisch schon sehr interessant, aber wenn du irgendwann merkst, wo es hinführt, dann kann man uns nicht mehr richtig begeistern ;-).

      Liebe Grüße

      Anja

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  3. Die Thematik spricht mich schon sehr an, aber mit einem Agenten im Mittelpunkt und dem Schwerpunkt gezielt auf der Technologie, hmmm ... zumal diene Kritikpunkte mich ebenfalls stören würden und auch wenn du im Endeffekt ein gelungenes Leseerlebnis hatte, bin ich mir unsicher, ob ich meine Freude mit dem Buch hätte ...

    Ganz liebe Grüße!

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    1. Liebe Janna,

      thematisch ein interessantes Buch, aber die Gewichtungen waren einfach nicht ausgewogen, so dass das das Lesevergnügen schon einschränkte. Da wäre mehr Potenzial zum ausschöpfen gewesen.

      Liebe Grüße

      Anja

      PS:
      Ich konnte ein paar Tage nicht kommentieren. Der Himmel weiß warum...

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  4. Liebe Anja,

    das Buch was ich gerade lese (Neandethal) spielt auch in der Mitte des 21. Jahrhunderts und bei mir sind sie schon etwas weiter. Da ist es nämlich legal, das Embryo so zu modifizieren, wie man lustig ist. Ich habe erst gestern angfangen, aber mich hat das Grauen schon gepackt. Du und ich, wir hätten keine Chance. Sehr, sehr gruselig. Richtig gepackt hat es mich trotzdem noch nicht. Da bin ich von Marc Elsbergs Büchern besseres gewohnt. Aber vielleicht kommt es ja noch.

    Zu Deiner letzten Frage: Ich behaupte mal, aus beidem. Den wie man aussieht und veranlagt ist, beeinflusst das Leben schon. Ob einem alle Türen aufgehen, weil man ein Supermodel ist oder ob man schon in der Grundschule gehänselt wird, weil man eine zu große Nase hat, macht viel aus.
    Generell halte ich es für wahrscheinlicher, dass es im Jahre 2045 machbar, aber illegal ist, als wie in meinem Buch, es legal und gewollt ist.

    Liebe Grüße
    Petrissa

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    1. Liebe Lilly,

      Neanderthal liegt auch schon auf meinem SuB, wie witzig, dass du es gerade liest.

      Ich sehe es so wie du. Es spielen so viele Faktoren dabei eine Rolle. Zum einen die Vererbung, die Erziehung, die Umgebung, und, und, und. Es wäre ja auch ganz schlimm, wenn man bedenkt, dass man in Zukunft per DNA-Sequenz Charaktere zeichnen könnte.

      Liebe Grüße

      Anja

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