Gegenwartsliteratur - KL im Gespräch über die Unsterblichkeit von John von Düffel

11 Januar 2018

Im fiktiven Gespräch mit 
Modeschöpfer KL

 Anmaßende oder brillante Gegenwartsliteratur?

Drei fiktive Interviews mit schillernden Persönlichkeiten

Wer sieht uns an? Und was wird dadurch aus uns? Einer, der es wissen muss, ist der bekannte Modeschöpfer KL, eine Ikone der Unnahbarkeit, der seit Jahrzehnten nicht zu altern scheint und immer gleich aussieht.

Ein namenloser Erzähler fährt nach Paris, um mit KL über Schein und Sein, über den Tod und das Leben als Bild gewordene Instanz zu sprechen. Doch KL ist einer der eigensinnigsten und launischsten Gesprächspartner deutscher Sprache. Das Gespräch ist mit zahlreichen Reglementierungen und Auflagen verbunden. Und entwickelt sich schließlich in eine ganz unerwartete Richtung.


John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, promovierte 23-jährig über Erkenntnistheorie und war danach als Theater- und Filmkritiker, als Schauspieldramaturg und Übersetzer tätig. 1998 schrieb er seinen Debütroman ›Vom Wasser‹, eine große Hommage an das fließende Element, und wurde dafür u.a. mit dem aspekte-Literaturpreis des ZDF ausgezeichnet. Zur Zeit arbeitet er als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und ist Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. (Quelle: dtv Verlag)


Bei der Betrachtung des Buchtitels KL Gespräch über die Unsterblichkeit und des Covers, auf dem ein gemaltes Portrait des Modedesigners Karl Lagerfeld abgebildet ist, könnte man annehmen, John von Düffel hätte mit Karl Lagerfeld ein philosophisches Gespräch geführt, doch dem ist nicht so. John von Düffels Gespräch mit KL, über die Unsterblichkeit, ist reine Fiktion. Wer sich also vom Buchtitel verleiten lässt, wird maßlos enttäuscht sein.

Das schriftstellerische Können des Autors steht bei diesem Werk außer Frage. John von Düffel schreibt mit einer Leichtigkeit, die angenehm und flüssig durch die Seiten führt. Der Stil ist schnörkellos und eher nüchtern. Der Ausdruck ist in einer klaren, guten deutschen Sprache formuliert und bisweilen glänzt er in einem anmutigen Stil.

Sie wollen wirklich ein Buch schreiben? Lieber ein guter Schwadroneur als ein schlechter Schriftsteller. Einverstanden. Nur mit den richtigen Fragen, und auf den Versuch käme es an, würde aus Schwadronieren vielleicht Philosophieren oder zumindest ein Schwadrosophieren ... (Zitat)

Betrachtet man den Inhalt, wird man in der Leserschaft auf differenzierte Meinungen zum Buch stoßen. Die einen werden es anmaßend finden, wie von Düffel (glaubhaft) Interviews mit dem Designer KL führt, wie er Redensart, Alltagsmomente und die philosophische Intelligenz des Künstlers aufnimmt, verarbeitet und inszeniert und wie er ihm emotionale Schwäche unterstellt.

An die hundert Seiten sind befüllt mit fiktiven, philosophischen Karl Lagerfeld-Gedanken. Und man stellt sich unweigerlich die Frage, ob ein Autor eine lebende, schillernde Persönlichkeit, die sich überwiegend der Öffentlichkeit enthält, auf unterstellende Art Gedanken und Dialoge führen lassen darf. Ganz unabhängig davon, ob man die Mode-Ikone sympathisch findet oder nicht.

Meinen Kunden geht es ums Haben und Zeigen, mir geht es ums Tun. Haben ist die Totform der Tätigkeit, die mich nur interessiert, so lange sie lebendig ist. Wenn ich an etwas arbeite, ist es das Allerwichtigste. Wenn ich damit fertig bin, ist es pfff!" (Zitat)

Die anderen werden es brillant empfinden, wie von Düffel glaubhaft Gespräche mit Karl Lagerfeld in Szene setzt, denn die philosophisch angehauchten, fiktiven Dialoge strotzen vor Authentizität, so dass es vorstellbar ist, Karl Lagerfelds persönliche Worte zu lesen.

Die Figur des namenlosen Interviewers reist mit dem Zug von und nach Paris, um KL zu treffen. Auf diesen Reisen trifft er auf eine bekannte deutsche TV-Moderatorin und auf eine ehemals berühmte, wenn auch gescheiterte, deutsche Politikerin, die jeweils in Natura anders aussehen und wirken, als im TV. Kurz erfrischen die Kapitel zwar, wenn man über Schein und Sein nachdenken möchte, doch insgesamt könnte man diese Kapitel leichtfüßig überspringen.  

Der Fokus dieser Gegenwartsliteratur richtet sich ganz auf Schein und Sein und auf die (Un-) Sterblichkeit. Was bleibt, wenn wir gehen, wie wirken wir auf andere und warum wirken andere anders? Stärke wird zur Schwäche und Schwäche zur Stärke.


KL Gespräch über die Unsterblichkeit von John Düffel ist durchaus interessante Gegenwartsliteratur, die durch literarisches Können, trotz fiktiver Geschichte mit Tiefe vor Authentizität nur so strotzt. Für mich persönlich ist dieses Werk, gegenüber dem Modeschöpfer Karl Lagerfeld, jedoch eine Spur zu anmaßend und sogar etwas pietätlos, ganz unabhängig davon, ob man den Designer brillant oder schrullig findet.


©nisnis-buecherliebe


Autor: John von Düffel

Erscheinungsdatum Erstausgabe: 08.12.2017

Aktuelle Ausgabe: 08.12.2017

Flexibler Einband 160 Seiten



Kommentare:

  1. Hey =)

    Ich frage mich gerade wirklich wie der Autor auf die Idee kommt ausgerechnet dieses fiktive Interview mit Karl Lagerfeld zu führen. Es gibt da draußen wirklich keine Person, die mich weniger interessiert als dieser Typ. Zudem ist er mir überaus unsympathisch.
    Trotzdem finde ich den Stil des Autors sehr interessant!

    LG
    Anja

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    1. Hey liebe Anja,

      mich hat der Titel schon sehr gereizt, vor allem weil Karl Lagerfeld eine bizarre und äußerst außergewöhnliche Persönlichkeit ist, ob man ihn mag oder nicht. Von Rüffels Stil ist literarische Qualität, doch umso tiefer ich in diese Fiktion einstieg, um so mehr habe ich mich einfach gefragt, ob man eine lebende Ikone derartig fiktiv denken lassen darf und das hat mich schon gestört.

      Viele liebe Grüße

      Anja

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  2. Liebe Anja,
    deine schöne Rezi habe ich gerne gelesen, das Buch und die Thematik selbst reizt mich persönlich aber weniger :-)

    LG Tanja

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    1. Ich kann mich ja auch nicht immer um deine Wunschliste kümmern, kicher ;-).

      Liebe Grüße

      Anja

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  3. Liebe Anja,

    was es nicht alles gibt! Erfundene Interviews zu noch lebende Persönlichkeiten... Auf solche Ideen muss man auch erst einmal kommen! Wobei KL einer dieser Leute ist, die ich nicht greifen kann. Tatsächlich zählt er für mich zu den unsympathischsten Promis, die noch leben. Seine (gewollte) Arroganz, das Pikiert-Sein und diese Inszinierung seiner Person nervt mich total.

    Vier Sterne sind eine gute Bewertung! Aber ich könnte mich nicht überwinden, das Buch zu lesen. hihi

    GlG und ein schönes Wochenende wünscht das monerl

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    1. Liebe Monerl,

      auch wenn ich dem Autor unterstelle einen Schritt zu weit gegangen zu sein, so ist dieses Buch literarisch absolut gut. Wen die Thematik interessiert, der word sicher begeistert sein.

      Liebe Grüße

      Anja

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  4. Liebe Anja

    Jetzt habe ich gerade ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Bei den ersten Sätzen deiner Rezension dachte ich mir noch "Waaas? Wie kommt er auf diese Idee, das geht ja gar nicht" und nun bin ich wirklich der Meinung, dass diese Herangehensweise durchaus interessant ist. Vor allem, wenn der Schreibstil dann noch so toll ist, kann ja fast gar nichts mehr schief gehen.

    Vielen Dank für den Tipp und ganz liebe Grüsse
    Livia

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    1. Liebe Livia,

      es ist wirklich ein Wechselbad der Leseemotionen ;-). Doch umso länger ich darüber nachdenke, umso unsympathischer wird mir diese Idee.

      Liebe Grüße

      Anja

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