Roman - Gastrezension von Lienz - Das Traumbuch von Nina George

06 April 2016


Ein Roman über die Liebe, Finden und Gefunden-Werden


http://www.droemer-knaur.de/buch/8848015/das-traumbuchEin Unfall verändert die Leben dreier Menschen: Edwinna, genannt Eddie, die Verlegerin für phantastische Literatur mit besonderem Gespür für das Wunderbare. Sam, der hochbegabte 13-Jährige, der Klänge als Farben sieht und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahrnimmt als andere. Und Henri, Eddies einstiger Geliebter. Der ehemalige Kriegsreporter ist Sams Vater, der nach einem Unfall acht Minuten lang tot war und nun darum kämpft, aus dem Koma zu erwachen. Denn von dort, wo er beinah verlorengegangen ist, bringt er eine Botschaft für die, die er liebt.
Poetisch und wahr, klug und bewegend: Nina George erzählt in ihrem neuen Roman „Das Traumbuch“ von den unbekannten Welten zwischen Leben und Tod, Realität und Traum – und von den kleinen Momenten, in denen sich Türen zu ganz anderen Lebenswegen öffnen. Die zu gehen wir uns nur nicht trauen.


Eine Frau zwischen einem Mann im Koma und einem im Leben. Ein Junge zwischen Vernunft und Gefühl. Ein Kriegsreporter, der den Platz im eigenen Leben sucht. (Aus dem Klappentext)


Nina George greift in Das Traumbuch einen emotional zerreißenden Konflikt auf: das Koma eines geliebten Menschen. Aus medizinischer Sicht scheint klar: Es ist der Zustand eines ungeregelten Bewusstseinsverlustes.


Im Roman erklärt der Arzt Dr. Saul – er hat den Spitznamen Gott – das Koma anhand eines Modells konzentrischer Kreise, in dessen Mitte er „wach“ und in die anderen von innen nach außen er Benommenheit, Schlaf und Traum, Bewusstlosigkeit, Koma und Tod schreibt. Er kreuzt die Zustände an, in denen Henri war. Das aktuelle Kreuzchen setzt er neben Koma … zu dicht am Rand, viel zu dicht am Tod. Da flüstert Henris Sohn Sam: „Es sind Orte, nicht Zustände.“ (S. 85)


An diese Orte in den unbekannten Welten zwischen Leben und Tod, Realität und Traum, führt Nina George in diesem aufwühlend schönen Roman. Sie geht schlicht über die Grenzen hinaus, die wir uns selber setzen. Sie erzählt mit so viel Liebe und schonungslos real. Wie Henri und Eddie wieder zueinander finden, wie Vater und Sohn ihre Seelenverwandtschaft erkunden, wie die große Liebe zu Sam kommt.


Das Buch ist eng mit Nina Georges eigener Biografie verknüpft. Den plötzliche Verlust ihres eigenen Vaters, eines der einschneidendsten Erlebnisse ihres Lebens, verarbeitet sie im Themenzyklus der Endlichkeit und schließt ihn mit diesem Roman.


Das Traumbuch ist ein sinnliches Buch. Einer gewaltigen Trommel gleich wirbelt es die Gefühle des Lesers auf und durcheinander, damit sie sich neu sortieren können. Ich habe geschmunzelt, konzentriert gelesen, laut aufgelacht und ungeweinte Tränen endlich geweint. Ich habe eine der schönsten Liebesszenen in diesem Buch entdeckt.


Das Traumbuch ist auch ein Buch über die Liebe. Der zwischen Menschen und der zum Leben.


Das Traumbuch vermittelt Wissen über den schwer zu fassenden „Ort“ Koma und portraitiert Ärzte wie Pfleger in ganz besonderer Weise.


Das Traumbuch verändert den Blick auf das eigene Leben. Wenigstens mir geht es so.


Das Traumbuch in der gebundenen Ausgabe liegt federleicht in der Hand, mein haptischer Genuss.


Das Traumbuch offenbart Nina Georges Sprachgewalt.

Selten, sehr selten sehe ich das geschriebene Wort so wirkungsvoll gestaltet:

„Eddie ist das Beste, das mir nie passiert ist.“ (S. 12)
„So ist das mit dem Schmerz, er reagiert auf bestimmte Wörter wie ein Zirkustier auf Befehle.“ (S. 121)
S. 215 – eine der schönsten Liebesszenen meiner Lesekarriere …



genauer gesagt 6 Sterne von 5


Autor: Nina George
Buch: Das Traumbuch
Erscheinungsdatum Erstausgabe: 17.03.2016
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-65385-2
Hardcover - 416 Seiten
 

1 Kommentar:

  1. Liebe Lienz,

    deine Worte lesen sich ja sehr verlockend. Ist dies das im Flieger empfohlene Buch? Ich glaube ich muss es ebenso lesen ;-).

    Liebe Grüße

    Nisnis

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