Kriminalroman - Gastrezension von Lienz - 55 von Marcus Imbsweiler

30 Mai 2016

Nichts ergibt sich ohne einen Grund


Kurt ist gestorben: das Herz.

Fred, sein ewiger Widersacher, stöbert in Fotoalben aus den Fünfzigern. Was verband die beiden Alten? Freds Enkel Joris weiß nur von politischer Gegnerschaft. 

Aber Joris fremdelt ohnehin mit seiner saarländischen Heimat, er war lange fort und hadert – doch er ist nicht der Einzige. Mitten im Dorf sollen Asylbewerber unterkommen.

Widerstand formiert sich, zu den Initiatoren gehörte der verstorbene Kurt. Plötzlich werden Zweifel an seinem natürlichen Tod laut. Die Polizei ermittelt auch gegen Joris, weshalb der selbst mit Recherchen beginnt. Und die ziehen ihn unaufhaltsam in die Vergangenheit – sowohl des Saarlandes als auch in die seiner eigenen Familie. Es gilt Licht ins Dunkeln des Jahres 1955 zu bringen, als jugendliche Liebe und Eifersucht in einer Nacht enden, die alles verändert. (Klappentext)

Ein sehr besonderer Krimi, kein Mainstream. Ein Muss für jeden, der gerne tiefgründig liest.

Obwohl keine Jahreszahlen den einzelnen Kapiteln vorstehen, verliert der Leser den Überblick nie. Denn die historischen Teile beginnen mit allgemein Bekanntem aus dem Jahr 1955 und führen den Leser.
Marcus Imbsweiler arbeitet als freier Musikredakteur. Zuvor hatte er in Tübingen, München und Heidelberg Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft und Germanistik studiert. Der gebürtige Saarländer lebt heute in Heidelberg. Der Vater von fünf Töchtern ist außerdem als Langstrecken- und Marathonläufer erfolgreich.
Joris, Anfang 20, kehrt nach dem Tod der Mutter in deren Heimat zurück. Er wird hier studieren – vielleicht. Erst einmal kommt er beim Opa unter. Es herrscht keineswegs Harmonie zwischen den Männern – dem jungen und dem alten. Joris – der einzig Dicke der Familie. Ein massiger Körper, überrollt von der Hitzewelle. Der Opa wiederum hat als junger Mann der Saarabstimmung 1955 aktiv miterlebt. Still saß er in einem Sessel, in ein Buch vertieft. Nicht eine Haarspitze seines schlohweißen Schnauzers bewegte sich.

Joris‘ Schulkamerad David und er begegnen sich, als David mit dem Massey Ferguson auf dem Weg zur Hütte des Landrats ist – um diese platt zu walzen. Ohne Konsequenz. Joris‘ Fahrrad wird in der Nähe der Wohnung des verstorbenen Kurt gesehen. Obwohl Joris zur entsprechenden Zeit gar nicht da war. Opa und Enkel umkreisen einander wie Kater. Etwas verbindet sie und wirft dennoch einen Graben zwischen ihnen auf. Je tiefer Joris gräbt, desto mehr „Unter-den-Teppich-Gekehrtes“ kommt ihm entgegen, Fragen über Fragen. Die der Opa nie direkt beantworten will. Kurts Witwe, die stille, duldsame Helga, ist eine tiefgründige alte Frau, von der Joris weit mehr erfährt, als er wissen will. Und eine Antwort erhält, die alles auf den Kopf stellt.

Der aktuelle Handlungsstrang und der des Jahres 1955 gehören zusammen wie Licht und Schatten. Die Vergangenheit ist immer mit dem Jetzt verbunden, bis sie auch auf Joris‘ Schultern ihre Last ablädt. Am Ende liegt die bittere Wahrheit entblößt auf der Hand, und der Schmerz des Geschehenen und nie Geschehenen überspannt drei Generationen.

Aus mehreren Perspektiven, jedoch vornehmlich der von Joris und der seines Opas, eröffnet sich dem Leser, was geschah. Und warum.
Ein intelligenter Krimi, der Geschichtliches mit Zwischenmenschlichem und dem bodenlosen Fass „Familiengeschichte“ zu einem spannenden Gesamten verbindet.

Ganz besonders haben mir die Charaktere gefallen: Joris, der junge Mann, der unentschlossen ist und auf besondere Weise eine Frau liebt. Opa Fred, der sein Leben falsch gelebt hat. Und Helga, die tut, was getan werden muss.

Ganz persönliche Bemerkung:

Für mich ist das Buch ein Kleinod, wo ich beim Lesen bereits überlegt habe, welchen meiner Freunde ich ein Exemplar dieses Krimis schenken werde.



Titel: 55

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 15.10.2015
Aktuelle Ausgabe : 15.10.2015
Verlag : CONTE-VERLAG
Flexibler Einband 250 Seiten
Sprache: Deutsch

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