Polit-Thriller - Jenseits von Yassin Musharbash

11 Oktober 2017

Engel. Teufel. Engel. 

Brandaktuell, top recherchiert, spannend.


Gent Sassenthin bricht sein Medizinstudium ab, nach dem er mit dem Suizid seiner Zwillingsschwester nicht klarkommt. Er empfindet blinde Wut, greift zu Drogen, trinkt viel Alkohol und lässt sich gehen. Als er dem Abgrund nah in ein Taxi steigt, erkennt der muslimische Fahrer, wie dreckig es ihm geht. Der ruhige, weise erscheinende Abdallah wendet sich Gent zu. 

Zum ersten Mal fühlt sich Gent gesehen und wahrgenommen. Alles Schmutzige ist verschwunden und der Drang wegzulaufen verflüchtigt sich. Nichts muss mehr verborgen werden und er muss sich nicht mehr verstecken. 

Gent konvertiert zum Islam, findet offensichtlich innere Ruhe und schließt sich der Terrorgruppe islamischer Staat an. In Syrien angekommen, vollstreckt er Urteile an Dieben, indem er ihnen die Hände amputiert.

Ein Jahr nach Gents Verschwinden, erhalten seine Eltern eine Nachricht von ihm. 

Will Gent aussteigen? 


Yassin Musharbash, geboren 1975, hat deutsche und jordanische Vorfahren. Während des Studiums der Arabistik und Politologie begann er als Journalist zu arbeiten, u.a. für die taz und Jordan Times. Seit etlichen Jahren beschäftigt er sich mit den Themen Terrorismus, Innere Sicherheit und Umwälzungen in der arabischen Welt, zunächst als Redakteur bei Spiegel Online, heute im Investigativ-Ressort der Wochenzeitung Die Zeit. 2006 erschien sein Buch »Die neue Al-Qaida. Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks« (KiWi 932), 2011 sein Thriller »Radikal« (KiWi 1289). (Quelle: KiWi)

Die Journalistin Merle Schwalb vom »Globus« wittert die größte Geschichte ihrer Karriere. Der Verfassungsschützer Sami Mukhtar im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin hofft auf den Fall, an dem er sich endlich beweisen kann. Der Sozialarbeiter Titus Brandt von der Beratungsstelle »Amal« behält ein gefährliches Geheimnis zu lange für sich. Was passiert, wenn alle das Richtige wollen – aber nichts so ist, wie es scheint?


Nach seinem gelungenen Roman Radikal zeichnet Yassin Musharbash einen vielversprechenden, aktuellen und authentischen Polit-Thriller. 

Der junge Mann Gent wendet sich aus seiner persönlichen Labilität heraus, dem
Islam zu und schlägt den Weg eines Dshihadisten ein. Eine tragische Geschichte, die immer wieder passiert und von der wir längst gelesen haben. Doch Yassin Musharbash zeigt nicht nur die Tragik, des verlorenen Sohnes. Er zeigt gekonnt und fundiert auf, wie sich Entscheidungsträger innerhalb der Sicherheitsbehörden aufführen, wie überfordert sie sind, wie sie arbeiten, gegeneinander und miteinander, wie sie abwägen und auch wie sie von ihren persönlichen Schicksalen beeinflusst sind. Verfassungsschützer Sami Mukhtar will sich endlich beweisen. 

Musharbash stellt in seinem Thriller auch die Funktionalität und das Machtgehabe der Presse dar. Innerhalb dieser Institution wollen Journalisten einerseits die Öffentlichkeit informieren, andererseits spielen Macht und Geld sowie ebenfalls persönliche, menschliche Ziele eine tragende Rolle und beeinflussen auch hier das Handeln. Die taffe Journalistin Merle glaubt auf die größte Story ihrer Karriere gestoßen zu sein. 

Jenseits ist hervorragend recherchiert. Das beweist die Authentizität der Geschichte. Fiktion und Realität agieren hierin so harmonisch, dass man sie nicht unterscheiden kann. Besonders gut sind die Konflikte beschrieben, die die Eltern Gents mit sich austragen, die bei Sozialarbeiter Titus Brandt Hilfe suchen und an Selbstvorwürfen fast zugrunde gehen.

Jenseits ist nicht einfach zu lesen. Früh, bereits nach den ersten Seiten, ist eine intensive Tiefgründigkeit zu erahnen, aber lange Zeit kann man sie zunächst nicht greifen und für sich deuten. Einerseits hebt das die Spannungskurve an, andererseits tüftelt man angestrengt und hochkonzentriert durch die Perspektiven. 

Die Szenerien in allen Perspektiven sind ernüchternd, erschreckend und teilweise menschlich nachvollziehbar zugleich. Ob es um Gents persönliche Geschichte geht, um seinen Weg zum IS, um seine Eltern, die eine Beratungsstelle aufsuchen, um die Mitarbeiter beim Verfassungsschutz oder um eine taffe Journalistin. Die vielen Perspektiven ermöglichen es, die Geschichte von vielen Standpunkten aus zu betrachten. Man kann so Ahnungen entwickeln, was richtig und was als falsch bewertet wird, aber die Wahrscheinlichkeit die reine Wahrheit zu erkennen, bleibt in einem authentisch inszenierten Nebel gewollt nur schemenhaft erkennbar. 

Gent als Dschihadist löst eine Kette von angenehm komplexen und hochspannenden Vertrickungen und Wendungen aus. Yassin Musharbash zeigt auf, wie sich der Rattenschwanz entwickelt und wie man gedenkt ihn zu entwirren zudem gewährt er einen tiefen Einblick in die Entwicklung von Gents radikalen Gedankenguts.

Der Einstieg in die Geschichte ist mir persönlich nicht ganz leichtgefallen. Ich benötigte etwas Lesezeit, um mich an den Stil des Autors zu gewöhnen. Die Sprache hingegen ist wohl und klar formuliert, sodass man ihr nach dem warm-up gut folgen kann. 

Die Charaktere zahlreicher Figuren sind intensiv und tiefgründig dargestellt. Musharbash zeichnet sie stets aus einer persönlichen und menschlichen Perspektive und stellt die von der Gesellschaft erwartete geschickt gegenüber. 

Nach seinem hoch gelobten Roman »Radikal« legt Yassin Musharbash nun einen Politthriller vor, der kaum aktueller sein könnte: Wie überfordert sind die Sicherheitsbehörden? Wie sollen wir umgehen mit den Terroristen aus der Mitte unserer Gesellschaft? Und vor allem: Was passiert eigentlich in deren Köpfen?


Der spannende Polit-Thriller Jenseits befasst sich brandaktuell mit der Gesinnung und Entwicklung von radikalen Terroristen in unserer Gesellschaft. Yassin Musharbash legt in seinem Thriller Jenseits mit der Geschichte um den jungen Gent dar, wie Sicherheitsbehörden und Presse arbeiten und wieviel Mensch doch noch hinter einzelnen Handlungen stecken, die Folgenschweres damit verursachen. 

Jenseits ist top recherchiert und in seiner Tiefgründigkeit keine leichte Kost. Dieser Thriller ist für all jene empfehlenswert, die gern einen ernüchternden Blick in unsere Gesellschaft werfen und die es gern komplex und auch politisch mögen. 


©nisnis-buecherliebe

Leseprobe


Titel: Jenseits

Autor: Yassin Musharbash

Erscheinungsdatum Erstausgabe: 07.09.2017

Aktuelle Ausgabe: 07.09.2017



Flexibler Einband 320 Seiten

Sprache: Deutsch


Kommentare:

  1. Liebe Anja,
    Danke für deine tolle Rezi mit der du meine Wunschliste wieder fütterst. ‚Radikal‘ kenne ich noch nicht, aber es liegt hier schon und wartet auf mich und ‚Jenseits‘ kommt bestimmt bald dazu.

    Liebe Grüße
    Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      oh, wie fein. Radikal muss ich unbedingt auch noch lesen. Ich freue mich auf deine Besprechung.

      Liebe Grüße

      Anja

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  2. Guten Abend liebe Anja,
    entschuldige bitte, dass ich in letzter Zeit etwas wenig kommentiert habe, aber privat war es bei mir ein wenig stressig.
    Das Buch klingt sehr spannend und der Buchtitel ist so aussagekräftig, dass ich mir darunter erstmal alles vorstellen kann.
    Ich werde mir dieses Buch auf jeden Fall auf meine Wunschliste setzen.
    Ich wünsche Dir einen wundervollen Abend
    Andrea

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    1. Liebe Andrea,

      bitte, du brauchst dich doch für nichts entschuldigen. Wir sind hier in unserer Freizeit und da soll sich doch niemand stressen. Ich weiß aber natürlich wie du das meinst. Auch ich möchte gern viel mehr Zeit haben, um auf so vielen schönen Blogs meine Kommentare zu hinterlassen, aber man kann das einfach nicht immer so wie man es gern möchte.

      Jenseits ist wirklich empfehlenswert. Es ist keine leichte Lektüre, vom Stil her und von der Komplexität her nicht, aber es ist ein fundiertes Werk, dass Aufmerksamkeit unsererseits verdient hat.

      Viele liebe Grüße

      Anja

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  3. Ich habe Radikal vor einigen Jahren gelesen und war absolut begeistert. Nun hast du mich auch auf das neue Buch neugierig gemacht.

    LG
    Daggi

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    1. Liebe Daggi,

      Radikal möchte ich unbedingt noch lesen. Das hochgelobte Buch reizt mich nach Jenseits um so mehr.

      Liebe Grüße

      Anja

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