Diagnostik für bibliophile Emotionalitäten und Lesegewohnheiten

19 Februar 2016

Diagnostik für bibliophile Emotionalitäten und Lesegewohnheiten


Liebe Leser,

wie umschreibt ihr eure Gefühlswelt, wenn ihr unter schwersten akuten- oder bereits chronischen Symptomen bibliophiler Sorgen leidet?

Werdet ihr von den Menschen in eurem Umfeld verstanden, wenn ihr voller Sehnsucht einer Neuerscheinung mit hohem Fieber entgegenfiebert, wenn ihr depressiv werdet, weil eure Lieblings-Buchreihe zu Ende geht oder wenn ihr euren literarischen Maßstab ab sofort so hoch ansetzt, dass ihr mit eurem üblichen Lesevergnügen nur in die Tiefe hinabstürzen könnt?

Wie viele eurer Worte sind notwendig, um euren ernsten Zustand zu beschreiben, den ein "Nichtbibliophiler" bedauerlicherweise nie ganz nachvollziehen kann?


Ab sofort sind die ersten Diagnosen festgeschrieben, mit denen ihr euch zukünftig erklären könnt. Bedauerlicherweise ist die diagnostische Befundung jedoch auch heute noch schwierig und der rezidive Therapieverlauf wird weiterhin kurvenreich und schwankend sein, denn eine Heilung kann letztendlich nicht erreicht werden.

Ich freue mich sehr, dass ich euch mit freundlicher Genehmigung der lieben Online-Redakteurin Maren Kahl von Was liest Du?, folgend ihr kleines, liebevoll verfasstes Wörterbuch der bibliophilen Sorgen vorstellen darf.

Viel Spaß damit!

Eure Nisnis

Postlegere-Tristesse

Symptomatik:
„Buchende“

Das Gefühl, das nach dem Beenden eines guten Buches eintritt. Eine belastende Mischung aus einem unbeschreiblichen Hochgefühl, hervorgerufen durch eine nahezu euphorische Begeisterung für das zuvor Gelesene, und einer tiefen Traurigkeit, weil man sich von liebgewonnenen Menschen trennen und aus der fast heimisch gewordenen Atmosphäre der Fiktion heraustreten muss, um zurück in die Realität zu finden, die mit einem Mal so fremd und trist erscheint.

Arithmetische Elegie

Symptomatik: 
„Betrachtung der Wunschliste und Komplikationen beim SuB-Abbau“

Die bestürzende Gewissheit, die eintritt, wenn man ausrechnet, wie viel Zeit es in Anspruch nehmen würde, alle Bücher auf der Wunschliste tatsächlich zu lesen, und man feststellen muss, dass die Lebenszeit schon jetzt nicht mehr ausreicht. Ein belastendes Gefühl, das häufig beim Betrachten von Bücherregalen eintritt und mit einem beklemmenden Druck auf der Brust vergleichbar ist.

Nervöse Expectritis

Symptomatik:
 „Neuerscheinungen“

Die nervöse Anspannung, während man auf die Veröffentlichung eines Folgebands wartet. Eine Mischung aus Vorfreude auf die neue Lektüre, ungeduldiger Erregtheit und einem Hauch Ärger über die Fremdbestimmtheit, der man ausgeliefert ist. Man hat keinen Einfluss auf den Erscheinungstermin, sondern ist ganz und gar von der Disziplin, Kreativität und Vitalität des Autors abhängig. Und immer ist ein Hauch Sorge dabei, eine leise Angst, dass es durch unvorhersehbare Umstände nie zu einem neuen Band kommen könnte.

Legere interruptus

Sympthomatik:
 „Störung des Leseflusses“

Der kurze Moment der Überforderung, wenn man gerade noch in aller Ruhe gelesen hat und gänzlich in der Geschichte versunken ist, dann aber ohne Vorankündigung unterbrochen und gewaltsam aus der Fiktion herausgerissen wird. Das Gefühl, das schier Unmögliche schaffen zu müssen: sich ohne Vorbereitung wieder in der Realität zurechtzufinden, sich auf die störende Quelle einzulassen, präsent zu sein.  

Platonische Befürchtung

Symptomatik:
 „literarisch hochtrabender Leseanspruch“

Eine leichte Panik, die einen beschleicht, wenn man ein überragendes Buch zu Ende gelesen hat. Während des Lesens sind die Erwartungen unmerklich gestiegen. Ein Gefühl, als hätte man endlich Platons unterirdische Höhle verlassen und könnte nun die wahre Literatur sehen, nicht mehr nur deren schemenhaften Schatten. Man sorgt sich darum, dass sich niemals wieder eine Lektüre mit diesem einen Buch messen kann. Es ist, als hätte es schon jetzt alles, was man jemals gelesen hat oder noch lesen wird, in den Schatten gestellt.
Finale Rührseligkeit

Symptomatik:
„Absturz bei Buchreihen-Ende“

Die feierliche Rührung, von der man überrumpelt wird, wenn man den letzten Band einer Reihe in den Händen hält. Als müsse man den Akt des Buchöffnens gebührend zelebrieren, die Beschaffenheit des Papiers ertasten, jedes einzelne Wort laut aussprechen, es empfinden, sich einer frühzeitigen Nostalgie hingeben, die diesem Anlass angemessen ist. Und gleichzeitig spürt man eine tiefe Traurigkeit, weil man weiß, dass die Geschichte mit diesem Buch ihr Ende findet, dass man sich verabschieden muss von den Helden, die einen womöglich über Jahre treu begleitet haben.

Circulus Vitiosus Bibliophilus

Symtpomatik:
„ohne Buch unterwegs“


Die Sehnsucht nach einem Buch, wenn man unerwartet aufgehalten wird, etwa durch eine Zugverspätung, einem Stau oder einer langen Wartezeit beim Arzt, und keinen Lesestoff dabei hat. Einerseits ist da dieses leichte Entsetzen darüber, dass man tatsächlich vergessen hat, sich eine Lektüre einzustecken, ein kurzzeitiges Fremdheitsgefühl, weil dieses Verhalten so gar nicht zu einem passen will, andererseits spürt man ein unstillbares Verlangen nach einer Lektüre. So gerne würde man jetzt ein Buch zur Hand haben, die Zeit mit wohltuenden Zeilen genießen, endlich den Roman zu Ende zu lesen, der zuhause auf dem Nachtschrank liegt. Doch in Wahrheit, so muss man einsehen, ist man der puren Langeweile ausgeliefert und hat keinen Einfluss auf die Wartezeit.  Und während man sich seinen Zustand bewusst macht, verstärkt sich die Sehnsucht zu lesen - ein Teufelskreis (lat. Circulus Vitiosus).

Kommentare:

  1. Hallo Nisnis,

    das ist ja wunderbar treffend :) ich leide am meisten unter 'Circulus Vitiosus Bibliophilus', es ist ein furchtbarer Zustand, den ich auch durch das ständige Mitführen eines Kindles zu verhindern suche.

    LG Anni

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    1. Liebe Anni,

      so bedaure ich deine Beschwerden und fühle herzlich mit dir ;-). Bei mir ist es meistens die Legere interruptus, die mich belästigt. Familie, Kind und Hund, die to do's des Alltags etc. Dann wünsche ich uns mal ordentlich gute Besserung :-).

      Schön dass du hier warst und viele Grüße

      Nisnis

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  2. Hey,

    das ist wirklich ein kreativer Beiträg. Ich leide definitiv unter der Hälte der vorgestellten Krankheiten :D
    Am schlimmsten ausgeprägt ist bei mir aber die horrende Erwartung an Hype-Bücher, bei denen ich nach dem Lesen einfach immer denke: "Ja. Okay... Ganz nett... Wieso finden das jetzt alle so toll?"

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    1. Hallo liebe j125,

      oh ja, dafür muss unbedingt auch noch eine Diagnose her. Ich kann manch einen Hype, der mich dann bitter enttäuscht, ebenso nicht nachvollziehen. Man sollte die Hypes abschaffen, da ich sie meistens unehrlich empfinde.

      Dankeschön, dass du wieder einmal vorbei geschaut hast :-).

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  3. Hier ist mein Rückbesuch (^.^) Danke dir für diesen Post. Ich kann mich ja so richtig in manchen Symptomen wiedererkennen. :) Und ich bin froh, dass es nicht nur mir so geht.

    LG Doreen

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    1. Hey Doreen,

      ja, unter uns gleichgesinnten Leseratten ist das Aushalten dieser Beschwerden um einiges leichter :-).

      Viele liebe Grüße

      Nisnis

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  4. Hallo Nisnis,
    das ist ja mal ein amüsanter Beitrag. Ich muss sagen, seitdem ich unter die Blogger gegangen bin, habe ich nicht mehr soviel Beschwerden mit diesen Anzeichen. Hier trifft man auf Gleichgesinnte, die einen verstehen. Auch habe ich eine Buchhändlerin, mit der ich mich gut austauschen kann.
    Bei anderen Leuten versuche ich erst gar nicht diese Befindlichkeiten vorzutragen, weil ich weiß, dass sie es wohl nicht verstehen werden.
    Liebe Grüße Tanja :o)

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    1. Grüße dich "Der Duft von Büchern und Kaffee",

      stimmt, man soll nur dort reden, wo man verstanden wird :-).

      Schön dass du hier warst.

      Viele Grüße

      Nisnis

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