Thriller - Gastrezension von Lienz - Thriller - Asphaltseele von Gregor Weber

20 September 2016

Gastrezension

Säuft, qualmt, schießt und tötet – aber Herz aus Gold


https://www.randomhouse.de/Paperback/Asphaltseele/Gregor-Weber/Heyne-Hardcore/e484395.rhd»Mein Name ist Ruben Rubeck. Ich bin siebenundvierzig, sehe aus wie siebenundfünfzig und fühle mich manchmal wie siebenundachtzig. Geschieden, kinderlos und Kriminalkommissar, was in meinem Alter ein lächerlich niedriger Dienstgrad ist, aber das geht mir am Arsch vorbei. Ich komme zurecht. 

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist mein Revier. Viele denken, ich würde da wohnen, weil es bei mir für mehr nicht reicht, weil ich mich im Dreck wohlfühle und mit meinem Gesicht sowieso nirgends sonst in Frankfurt eine Wohnung bekäme, aber das stimmt nicht. Ich hab’s einfach gerne nah zur Arbeit.«

Nein, man muss diesen Bullen nicht mögen, aber man darf. Ich mag diese ehrliche Asphaltseele! 

Unterhaltung der Oberklasse.

Der Autor (und SB-Tatortdarsteller) Gregor Weber ist kein Unbekannter (obwohl ich ihn zuvor nicht kannte):

Geboren 1968 in Saarbrücken, floh Gregor Weber nach dem Abitur zur Marine. Danach Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt. Es folgten zwanzig Jahre als Schauspieler, unter anderem im saarländischen »Tatort«. Zudem war Weber Feldwebel der Reserve in Afghanistan und absolvierte eine Ausbildung zum Koch. Über den zweiten Beruf fand er im dritten seine Berufung: Sein Sachbuch »Kochen ist Krieg!« gab den Anstoß zu einer neuen Laufbahn als Autor. (Quelle: Verlag)
  „Sie müssen diesen Bullen nicht mögen – aber Ruben Rubeck ist einer von den Guten!“


Sagt der Buchrücken. Nein, man muss nicht. Man tut es aber. 

Ruben Rubeck – Zitat: 

„Mein Vater war’n bisschen komisch“ – säuft wirklich viel, reihert sich danach die Seele ausm Leib und raucht filterlos die Stärksten, die es legal noch gibt. Und schön ist er auch nicht. Wenn sein Hormonlevel nach Normalisierung schreit, geht er zu einer Nutte. Aber immer zur gleichen, die er richtig gernhat (sie ihn auch) und mit der sein Verhältnis aus ihm selbst unerfindlichen Grund bei Freier-Hure geblieben ist. 

Ruben Rubeck lässt fünfe gerade sein und ist über die Schmerzgrenze raus ehrlich, vor allem zu sich selbst. Er ist geraderaus und unverblümt. Wobei – er ist gar nicht der Quasseltyp. Nur so im Kopf, quasi mit sich selbst. Und man spürt einfach sein Herz aus Gold. Außerdem hat Ruben Rubeck Humor, einen sauguten Humor!

Mit Ruben Rubeck ist Gregor Weber eine wunderbare Figur gelungen, der er als Tüpferl aufm i auch noch eine wunderbar eigene Erzählstimme gibt. Ruben spricht den Leser nicht direkt an, lässt ihn aber Mäuschen bei seinen Selbstgesprächen spielen. Allein das gelingt Gregor Weber ganz fantastisch.

Der Thriller ist auf zwei Ebenen und an zwei Orten aufgebaut, die letztlich in zweierlei Hinsicht miteinander in Verbindung stehen: 1999 vor und während des KFOR-Einsatzes im Kosovo und aktuell in Frankfurt am Main, wo Rubeck irgendwie saublöd in diese fiese Geschichte reinrutscht. 

Alles beginnt im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Doppelknall und zwei Murmeln, mäandert dann ein wenig – aber immer interessant – wie ein Fluss Richtung Wasserfall, um immer schneller und actionreicher zu werden. 

Ruben Rubeck erzählt die Gegenwart in der Ich-Form und in wechselnden, fein aufeinander abgestimmten Zeitebenen. Die Handlung in der Vergangenheit wird mit Außensicht erzählt, auch hier wieder präzise – wie beim Kochen – aufeinander abgestimmt. 

Saubere Dramaturgie!

Auch sprachlich hat es mir der Thriller sehr angetan. Richtig gut gefallen hat mir die lautmalerische Umgangssprache gepaart mit Ruben Rubecks Art zu reden. Ich wage zu sagen, dass Gregor Weber seinem Ruben Rubeck eine wahrlich einprägsame Erzählstimme gegeben hat. 

Top!
 S. 18: 

Ich bin kein besonders guter Bulle. Bin nicht übermäßig fit. Aber ich kann echt gut schießen.


S. 215: 

Sie umarmte mich. Lange. Und dann bekam ich einen Kuss. Einen sehr besonderen Kuss. So einen hatte ich zuletzt von meiner Frau bekommen. Als sie meine Ex-Frau wurde.

S. 217/218: 

… Schon gut. Würdest du für mich auch machen. Oder? – Für dich? Nein. Wieso? – Kurz danach kam eine SMS. Würdste doch, Alter. Wenn ich der Typ wäre, der heult, dann wäre es jetzt zu weit.
Zwar weiß ich nicht, ob von Ruben Rubeck mehr kommen wird, ich würde es allerdings sehr begrüßen. Ganz persönlich: Ich hatte Heyne Hardcore nach drei mauen Versuchen schon abgeschrieben. Bis ich Ruben Rubeck getroffen habe. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die’s handfest wollen statt einem Blümchen-Thriller.

Top-Thriller! Kantig-einmalig!

 

Autor: Gregor Weber
Buch: Asphaltseele

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 12.09.2016

Aktuelle Ausgabe : 12.09.2016

Verlag : Heyne Hardcore


Flexibler Einband 240 Seiten

Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Hallöchen,

    das klingt ja recht spannend. Ich habe schon sehr lange keine Thriller mehr gelesen. Das sollte ich auch mal wieder ändern.

    Liebe Grüße,
    Vanessa

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    1. Liebe Vanessa,

      mir gefällt Lienz Rezension ebenso und sie macht wirklich neugiereig. Wäre da nicht der SuB ;-).

      Viele Grüße

      Nisnis

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  2. Oh, da bin ich ganz anderer Meinung. Ruben Rubeck ist der kaputte Bulle,wie er schon zig Mal beschrieben ist: Einsamer Wolf, geschieden, säuft wie ein Loch (nach dem Kater ist vor dem Kater), raucht wie ein Schlot,illegalen Ermittlungen nicht abgeneigt, hat ein "Verhältnis" mit einer Prostituierten, aber ansonsten Supertyp mit toller Aufklärungsrate. Nun, Weber treibt es noch auf die Spitze und lässt seinen Kommissar im Frankfurter Rotlichtviertel wohnen. Die Handlung in zwei Strängen, die von 1999 recht interessant, die in Krimihandlung der Gegenwart dagegen über weite Strecken vernachlässigbar, da kaum vorhanden. Deftige Sprache, das ist das einzige, was überzeugt. Ansonsten die Beschreibung von Exzessen und Rubecks Lebensphilosophie. Das brauche ich nicht.

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  3. Liebe Krimilese,
    wie schön, dass dich meine Rezension zu einem Kommentar bewegt hat :D
    Ich freue mich auch darüber, dass du deine Meinung so vertrittst. Ganz klar, Ruben Rubeck ist keine Neuheit in der Krimi-&Thrillerszene. Und - man muss den Bullen - oder das Buch - nicht mögen. Das ist ja das Schöne: Es gibt so viele unterschiedliche Thriller, überhaupt so viele Thriller, dann eben ein anderer für dich.
    Ganz herzlich
    Lienz

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  4. Klasse Roman. Ich freue mich über jeden Leser, dem es genauso gut gefällt wie mir.

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