Roman - Hirngespinste von Bernlef

03 Dezember 2016

Ein Alltagsdossier aus Sicht eines an Alzheimer Erkrankten


Bosten, USA: 

Maarten Klein ist einundsiebzig Jahre alt und pensioniert. Er lebt mit seiner geliebten Frau Vera, und dem gemeinsamen Hund Robert, in einer Kleinstadt in der Nähe von Bosten. Das Haus ist leer und still geworden, seit die Kinder sind ausgezogen sind.

Plötzlich spürt Maarten Veränderungen an sich selbst, die ihn fürchten lassen. Er ist oft müde, niedergeschlagen, manchmal durcheinander und auch vergesslich. Nun ja, denkt er sich, er hat das Alter erreicht in dem der Körper manch ein Zipperlein zum Vorschein bringen darf.

Aber als die Kälte und die Dunkelheit des vorherrschenden Winters ihn depressiv stimmen und er sich nichts sehnlicher wünscht als dass der Frühling endlich einkehrt, ist er zutiefst bedrückt und verunsichert. Plötzlich hat er Schwierigkeiten seine Gedanken zu ordnen, seine Erinnerungen verblassen, Personen scheinen ineinander zu verschwimmen und wenn er alleine ist, geht einfach alles schief.

Maarten hat nur noch eines im Kopf, bloß nicht mit seinem Durcheinander im Kopf auffallen. So tun als ob. Bloß nichts Vera sagen. Bloß keine Selbstgespräche führen. Immer warten bis die Umstände irgendwie weiterhelfen.

Und so versucht Maarten seinen Alltag zu meistern, bis ein kleiner Spaziergang mit dem Hund zum ungewollten Tagesausflug wird, er die verschlossene Tür zu einer imaginären, dienstlichen Konferenz mit dem Hammer öffnet, auf den Schulbus der längst ausgezogenen Kinder wartet, ein Fenster einschlägt, damit der Hund im winterlichen Garten nicht erfriert und er mitten in der Nacht alle weckt und Klavier spielt.

Maarten spürt dass sich etwas Gravierendes in seinem Körper zusammen braut und er schildert aus seiner Innensicht, wie ihn die Krankheit Alzheimer langsam zermürbt und für alles Lebenswerte unfähig macht.
Bernlef (eigentlich Hendrik Jan Marsman, 1937–2012) ist vor allem als Lyriker und Verfasser zahlreicher Prosawerke hervorgetreten, der 1984 erschienene Roman Hersenschimmen machte ihn weit über die Niederlande hinaus bekannt. Der deutschen Übersetzung ist ein Nachwort des Autors zum Erfolg des Buches aus dem Jahr 2007 beigegeben. (Quelle: Reclam Verlag)
Hirngespinste ist ein sehr eindringlicher Roman, der durch die authentische Figur des Rentners Maarten Klein, die krankheitsbedingten Veränderungen eines an Alzheimer Erkrankten, aus dessen Innensicht tabulos schildert.

Dieses Buch ist ein Geschenk.

Es erlaubt einen tiefen Blick in die völlig irritierte Welt eines an Alzheimer Erkrankten Menschen, der spürt wie sich sein Geist und sein Körper unaufhaltsam verändern. Diese Innensicht, die uns Gesunden bisher weitestgehend verschlossen geblieben ist, wird durch diesen Roman zu einer unheimlichen Ahnung, die wiederum sehr bereichernd ist.

Fast jeder von uns ist schon einmal mit Menschen in Berührung gekommen, die an einer Demenz oder an einer alzheimerischen Krankheit leiden, oder man ist familiär sogar betroffen. Und natürlich wissen wir nicht, wie es tatsächlich in diesen erkrankten Menschen aussieht, was sie fühlen und empfinden und wie sie tatsächlich leiden. Ist die Krankheit erst ausgebrochen, erscheinen die Betroffen oft teilnahmslos, doch bis dahin haben sie schon eine Odyssee aus Ohnmacht, Angst und Verwirrung hinter sich.

Dieses Buch hilft.

Es hilft zu verstehen, was für ein Chaos in dem traurigen Seelenleben eines Erkrankten herrscht. Wie hilflos er sich fühlt, wie verzagt und am Boden zerstört, bis die Krankheit ihn schließlich ganz gefangen nimmt und für immer fesselt.

Ich bin unglaublich dankbar dieses Buch gelesen zu haben, da es mir manch einen einfühlsamen Aha-Moment geschenkt hat. Dieser Roman berührt, aber er erlaubt durchaus auch ein Schmunzeln, denn dem niederländischen Autor liegt es fern, ausschließlich eine melancholische Seite aufzuzeigen.
Berlef erzählt die Geschichte Maarten Kleins in einer Art Alltagsdossier. Dadurch verleiht er dem Roman die Authentizität, die die Erkrankung Alzheimer für jeden Leser zugänglich macht.

Die Figur Maarten Klein ist aus der Ich-Perspektive dargestellt, bis sie mit Fortschreiten der Erkrankung nach und nach in der dritten Person zu denken und zu sprechen beginnt. Und dann ist da Vera, seine geliebte, vertraute Frau, die plötzlich in einem Sog der Entfremdung fast gänzlich verschwindet.

Bernlefs ist mit Hirngespinste ein meisterliches Werk gelungen und es ist unglaublich schade, dass es in Deutschland bisher nicht die Publicity erhalten hat, die es längst verdient.
 
Durch Türen. Wie viele? Und all die Richtungen, es ist zum Schwindeligwerden.
„Auf nach Norden!“ Meine Stimme klingt entschlossen, immerhin, aber viel schwächer. (Abnutzung?)

Veras Hand. (Das ist dich ihre Hand?) Den Blick nicht abwenden jetzt, folgen jetzt, bis ein großes flaches Stück Holz in Sicht kommt, eine glatte, glänzende Fläche, von der man zweifach geknickt, in sitzende Haltung hingepflanzt wird. Halte dich am Holz fest, an der dicken Holzkante. Sonst steigst du auf oder du kenterst.

Es liegt jetzt auch an Wörtern. Leichte Sätze kommen zuerst, schießen wie Korken nach oben, gewollt und ungewollt; die besseren Sätze sind zu lang und zu schwer, sie bleiben irgendwo unter meiner Zunge, dümpeln.

Das Essen. Kann selber essen, hörst du, bin kein kleines Baby mehr. Viel … viel essen. Keine Zeit für Besteck, das verschwindet, unter mir in die Tiefe gescheppert. Muss schnell mit der Hand reingestopft werden. (Ehe sie alles wieder wegnehmen, mich abputzen, mir mit einem rauhen Lappen die Wangen abwischen.)

Licht wird hohl. Ein Mensch ist auch voller Löcher. Ein Mensch müsse geschlossener sein. Aud die Dauer kann man nichts mehr drinbehalten.

Schönes glattes Holz zum Drüberreiben. Bewegung, die Leerlauf verhindert. Lieber nicht so oft zur Seite schauen! Den Blick geradeaus.

Gerufe, dass es wieder schneit. Den Rücken zukehren. Niemals mehr Verwirrung eingestehen.

Soll wieder woanders hin. (Frage:“ Ob man allein gehen kann“) Hätte gekonnt, aber nun doch zu gefährlich.


Schweres Hängen an einem Mohair-Arm. Losgelassen. Falle. Taumele in einen harten Stuhl. Holz an beiden Seiten. Holzlatten rings um meinen Körper. Halte mich an Dingen fest, gegen die wirbelnden Flocken da draußen, die ich nun doch sehen muss. Ein dickes Schneepaket auf Veras blauem Datsun. (Das war soeben wieder einmal ein guter, schwerer, altmodischer Wortsinn.)
Hirngespinste empfehle ich jedem Leser, der gern eine Ahnung bekommen möchte, was die Erkrankung Alzheimer, oder auch Demenz, in einem erkrankten Menschen auslöst. Hirngespinste wird berühren, aufrütteln und traurig machen, aber es ist ein Geschenk und eine Bereicherung des Verstehens.


Autor: Bernlef

Erscheinungsdatum Erstausgabe: 13.07.2016
Aktuelle Ausgabe: 13.07.2016
Flexibler Einband

Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Was für eine schöne Rezension! Mit der Thematik Alzheimer habe ich mich gezwungener Maßen schon auseinander setzen müssen. Solche Bücher können dabei helfen, daher Danke für diese tolle Empfehlung, auch wenn ich zur Zeit darüber nichts mehr lesen kann und möchte.

    Lieben Gruß
    Tanja

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    1. Ja Tanja, diese Art von Geschichten kann man nicht alltäglich lesen. Ich habe mich zunächst blind darauf eingelassen ohne zu erahnen wie viel auch ich wiederkennen würde, denn ich bin auch familiär betroffen.

      Wünsche dir noch einen schönen Abend, liebe Tanja.

      Nisnis

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  2. Jetzt hast du mich mit der Vorstellung dieses Buches voll erwischt. Ich habe die schleichende Krankheit bei einem Nachbarn miterlebt. Er hat mit mir getanzt, mich nach seinem Vater geschickt, mir einen Handkuss gegeben und mich immer zum lachen gebracht und immer wieder erschüttert wie sehr ihn die Qual mit dem Fortschreitenden der Krankheit traf. "Henning flieht vor dem Vergessen" habe ich nach seinem Tod gelesen. Ein Buch das auch sehr authentisch ist da es nach einer wahren Begebenheit geschrieben wurde.VIELEN DANK für Deine tolle Buchvorstellung. Hirngespinste werde ich mir besorgen müssen. Aber lesen kann ich es nur bei entsprechender Verfassung.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag für Dich
    Kerstin-Kasin

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    1. Liebe Kasin,

      ich bekomme eine Gänsehaut bei deinen Zeilen. Ich stimme dir zu, dieses Buch muss man in einer persönlichen, unbelasteten Zeit lesen.

      Ich wünsche dir ein schönes Adventswochenende,

      Nisnis

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  3. Liebe Nisnis
    Ganz sicher ein bewegendes Buch! Deine Rezension macht mich neugierig. Diese Krankheit ist in unserer Familie leider ebenfalls bereits vorgekommen. Wie die beiden vor mir schon schrieben, kann man es aber aufgrund von persönlichen Erlebnissen vielleicht nicht ertragen. Obwohl es vielversprechend ist, ist es ein sehr beklemmendes Thema, wenn man es selber erlebt hat.
    Einen schönen Sonntag noch!
    LG Tabea

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    1. Liebe Tabea,

      früher oder später bewegt es jeden von uns und es tut dann auch sehr weh. Natürlich möchte man sich keine Traurigkeit erlesen, aber dieser Roman hilft einfach zu verstehen, wie der Erkrankte denkt, tickt, fühlt. Da steht die Traurigkeit überhaupt nicht im Vordergrund sondern eher das sich vorstellen können, was in einem Erkrankten gerade passiert.

      Ich danke dir für den Besuch hier und wünsche dir eine schöne Adventszeit.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  4. Ahoi Nisnis!

    Ich bin af der FBM16 auf das Buch aufmerksam geworden, war mir aber nicht sicher, ob es mit der Ankündigung im Verlagsprogramm mithalten kann. Nach deiner Rezension bin ich aber sehr neugierig geworden und setze es auf meine Wunschliste.

    Danke für die tolle Rezension!

    Cheerio
    Mareike/Bücherkrähe

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    1. Liebe Mareike,

      es kann mithalten und es ist sehr schade, dass es nicht viel mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Dieser Roman müsste unbedingt getypte werden, denn er ist so wertvoll.

      Ganz liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag,

      Nisnis

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  5. Ein anscheinend tolles Buch mit einer wirklich tollen Rezension!! ... Auch ich habe dies vor ca. 2 Jahren mit dem Opa meines Freundes erleben müssen, jedoch keine starke Demenz, sondern Altersdemenz aufgrund der Erkrankung. Es ist wirklich schlimm, und auch wenn das nun grausam für andere klingen mag: in den Anfängen bzw. bei Kleinigkeiten hilft es aber auch dies versuchen mit Humor zu nehmen ... So war der Opa meines Freundes bspw. ganz empört über die neue Zahncreme - es stellte sich heraus es war sein Rasierschaum

    Liebe Grüße,
    Janna

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    1. Liebe crumb,

      auch der Autor Bernelf lässt diesen Humor immer wieder aufblitzen, sodass der Roman auch kein absolutes Trauerspiel ist. Und ich finde das besonders schön, denn aus allen Dingen kann man auch positive Dinge ziehen und Lächeln ist erlaubt.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  6. Hallo! Klingt nach einem unheimlich tollen Roman. Beim Lesen deiner Rezension musste ich ein wenig an Small World von Martin Suter denken, das ich vor Jahren mal gelesen habe und unglaublich begeistert davon war. Alzheimer/Demenz ist ein wirklich interessantes, aber auch beunruhigendes Thema. Umso wichtiger, dass es in Romanen aufgegriffen und gut behandelt wird. Schade, dass das Buch noch nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Es ist aber zumindest gleich mal auf meine Wunschliste gewandert. Danke für die Empfehlung!
    Liebe Grüße
    Jennifer

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    1. Liebe Jennifer,

      Small World kenne ich nicht. Also gebe ich das Dankeschön an dich für diesen Tipp weiter ;-).

      Herzliche Grüße

      Nisnis

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  7. Huhu,
    puh, ein Buch, welches definitiv berührt. Aber nicht ein Genre, doch es kommt mal auf die Verschenk-Liste.
    LieGrü
    Elena

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    1. Liebe Elena,

      es ist auch nicht mein Genre, aber ich bin sehr dankbar es doch gelesen zu haben.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  8. Hi
    Ohne Alzheimer jeden kann es treffen und es ist eine schlimme Krankheit😢.
    Meine Oma ist daran erkrankt und jetzt ist die im Heim und kommt so gar nicht damit zurecht. Für mich ist es auch nicht einfach.
    Sei lieb gegrüßt
    Nicole

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    1. Liebe Nicole,

      ich weiß wie sich das anfühlt. Ich schnenke euch daher eine kleine Tüte Glück.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  9. Liebe Nisnis,
    das Buch ist auf meiner Wunschliste und wandert nun nach deiner Rezension, noch höher. Ich fand auch "Tage zwischen Ebbe und Flut", "Mein Leben ohne Gestern" und "Einfach unvergesslich" sehr berührend. Vielleicht sind die Bücher ja auch was für dich falls du sie noch nicht kennst?
    Liebe Grüße
    Ela

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    1. Liebe Ela,

      die genannten Bücher kenne ich nicht. Vielen Dank für diese Tipps. Ich werde sie mir mal näher anschauen, aber ich glaube nun erst einmal eine thematische Pause zu benötigen ;-).

      Liebe Grüße

      Nisnis

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