Thriller - Cruelty - Ab jetzt kämpfst du allein von Scott Bergstrom

17 Februar 2017

Was tust du, wenn du erfährst, 
dass dein Leben eine Lüge war?

New York: Am 10. Todestag der ermordeten Mutter verabschieden sich Gwen und ihr Vater, da dieser am nächsten Tag geschäftlich nach Paris reist, während Gwen sich in der Schule quält, wo sie tief verletzendem Mobbing ausgesetzt ist, das sie irgendwie erträgt. 

Als am nächsten Tag zwei CIA-Agenten vor der Tür stehen und ihr von der mutmaßlichen Entführung ihres Vaters erzählen, bricht für Gwen eine Welt zusammen, denn ihr Vater hatte ihr stets erzählt, er würde im Auswärtigen Amt nur Papiere hin und her schieben und jetzt behaupten die geheimnisvollen Besucher er sei ein Agent der CIA.

Die CIA stellt die erfolglosen Ermittlungen bald ein und Gwen sieht sich gezwungen eigene Ermittlungen anzustellen. Sie folgt einer Spur nach Paris und steht bald im Zentrum eines gefährlichen Konstrukts aus Waffenschiebern, Drogendealern und Menschenhändlern. Sie weiß, sie kann nur gewinnen, wenn sie so kalt und grausam ist wie die Täter. 

Gwen wird erwachsen.



Scott Bergstrom arbeitete jahrelang als Texter und Creative Director in einer der größten und renommiertesten Werbeagenturen in Manhattan und entwickelte Print-, Fernseh- und Onlinekampagnen für namhafte Firmen wie Ford, Boeing, Chase sowie für das Auswärtige Amt der USA. Bergstroms Essays und Artikel über Architektur und urbanes Leben wurden in den USA und Europa breit publiziert. Sein Interesse gilt besonders den vernachlässigten Gegenden beliebter Touristenmetropolen – die er in «Cruelty» düster und anschaulich beschreibt.


Anfangs hatte ich ein Gefühl von naiv angewandter Sprache, bis mir bewusst wurde, dass die in der Ich-Erzählweise beginnende Story, die Worte der siebzehnjährigen Gwendolyn Bloom waren. Gwendolyn ist ein Diplomatenkind, dass bereits den gesamten Globus mit ihrem Vater bereist hat, doch nirgends konnte sie Freunde finden, nirgends fühlte sie sich zu Hause und so lebt sie die Rolle einer Einzelgängerin. In der Privatschule, die nur von Kindern betuchter oder prominenter Eltern besucht wird, ist sie ein graues Entlein das gegen den Strom schwimmt und das gemobbt wird. Wie sehr Gwen darunter leidet hat Autor Scott Bergstrom emotional sehr berührend und sehr authentisch in seinem Debüt erzählt.

Als Gwen erfährt, dass ihr Vater verschwunden ist und die CIA bald darauf die Ermittlungen eingestellt, kriecht sie langsam aus der Haut eines Teenagers heraus. Während des Lesens entwickelt sich nicht nur die temporeiche Handlung weiter, sondern ganz besonders Gwendolyn selbst. Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau die erkennt, dass sie die Entführer ihres Vaters nur finden kann, wenn sie selbst ebenso skrupellos und gewaltbereit durchs Leben geht wie sie.


Die Entwicklung der Hauptfigur Gwendolyn ist Scott Bergstrom sehr gelungen. Er lässt ihre Entwicklung langsam in die Geschichte einfließen, obwohl sie mit äußerster Brutalität vorangetrieben wird, denn Gwen trifft auf die taffe Yeal, die sie körperlich und mental trainiert. Unter großen Schmerzen und unter scheinbarer emotionaler Kälte formt Yeal Gwen mit einer Härte, die mich manches Mal den Atem anhalten ließ.

Gwen bewegt sich in einer Umgebung die von Waffenhandel, Drogengeschäften und Menschenhandel geprägt ist. Die Figuren dieses Milieus sind düster und sie unterstreichen die dunkle Stimmung und knisternde Spannung. Scott Bergstrom gelingt es spielend Verbrechen zu inszenieren, die die Suche nach den Entführern für Gwen erschweren. Auch als Leser fällt es mir schwer zu erahnen, wer die Täter sein könnten, denn die intelligenten Verstrickungen von Verbrechen und Figuren lassen sich bis zu Letzt nicht einfach entschlüsseln.

Scott Bergstrom schreibt in einem hohen Tempo, das perfekt auf die rasanten Geschehnisse der Geschichte zugeschnitten ist. Sein Sprachstil ist klar und schnörkellos. Er lässt sich angenehm flüssig lesen. Besonders gut ist es ihm gelungen, die Sprache und den Ausdruck der Figur Gwen entsprechend ihrer Entwicklung glaubwürdig zu kreieren.

Die Figuren sind entsprechend ihrer Funktionalität in der Geschichte charakterstark und intensiv gezeichnet, sodass sie autark agieren. Scott Bergstrom scheut sich nicht Protagonisten und deren Verbrechen mit äußerster Brutalität darzustellen. Zart besaiteten Lesern, könnte die Gewalt und Grausamkeit von Cruelty deutlich too much sein.


Ein starkes, spannendes Debüt mit Tempo.
Bitte mehr davon.
Leseempfehlung.


Erscheinungsdatum Erstausgabe: 17.02.2017
Aktuelle Ausgabe: 17.02.2017
Flexibler Einband 432 Seiten
Sprache: Deutsch



Der graue Himmel Liegt schwer über Prag, schiebt einen stählernen Schild zwischen die Stadt und die Sonne. Vielleicht regnet es noch, vielleicht fällt uns der Himmel auch einfach auf den Kopf, das ist schwer zu sagen. Ich habe eine tiefe Sehnsucht nach etwas, weiß aber nicht recht, wonach: nach einem Sonnenstrahl oder einem Glas OrangeSaft oder einfach nach einer dämlichen Blume.
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Niemand hat mir je vorgemacht, dass ich Chancen für Olympia hätte. Zu groß, zu schwer, sagten immer alle, und zu wenig Anmut. Ich bestehe vor allem aus Kraft, ich bin eher eine dicke Eisenkette als eine schlanke Gerte. Aber Wettkämpfe sind nicht der Grund, aus dem ich mit diesem Sport bekommen habe, und sie sind auch nicht der Grund, aus dem ich weitermache. Ich bin süchtig nach diesen Sekunden Bruchteilen in der Luft, diesen Momenten, die der Schwerkraft wieder sprechen, nach der Droge namens Freiheit. Es macht nichts, dass das Hochgefühl, einmal an nichts anderes denken zu müssen, nur eine Zehntelsekunde andauert. Es ist egal, dass die Schule Tyrannen und die Einsamkeit und die Erinnerung auf dem Boden auf mich warten. Ich kann immer wieder auf den Balken klettern.

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Meine Hände zittern. Meine Arme auch. Selbst meine Knie scheinen gleich nachgeben zu wollen, also lehne ich mich einen Augenblick lang gegen die Wand. Beruhige dich, sage ich zu mir Reiß dich zusammen. Es ist bloß ein bisschen Blut. Es ist bloß ein bisschen Angst.
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Aber es ist keine Angst. Es ist sogar das Gegenteil von Angst. Es ist der Schwindel, den ich gefühlt habe, als ich in Moskau zum ersten Mal eine Zigarette geraucht habe und sie mir schmeckte. Es ist das Hochgefühl, nach dem Terence mich geküsst hatte. Es ist der Champagnerschwips auf den Cocktailpartys der Botschaft. Es ist all das zusammen und so viel mehr. Es ist als ob etwas Neues in mir aufgestiegen ist und sich in mein Inneres gebohrt hat, wo es sich in meinem Bauch ein kleines Nest baut und meine Glieder  anprobiert, ob sie ihm passen.
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Meine Wut lässt mich nicht mehr klar denken, und da die Wut die Luft ist, die das Ding in mir zum Atmen braucht, geht es ihm heute Abend sehr gut. Du musst Christian unter allen Umständen irgendwo allein für dich haben, sagt es mir, dann binde ihn am Bett fest und bearbeite ihn mit Zangen und einem Feuerzeug, bis er dir die Antworten gibt. Aber mit rationalen Verstand weiß ich, dass ich so nicht an die Informationen kommen werden. Das habe ich von Dad gelernt, als wir im Fernsehen einen Bericht über die Foltermethoden von Terroristen gesehen haben.
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Kommentare:

  1. Tolle Rezi, die neugierig macht. Das Buch sollte ich mir wohl merken :-)

    LG Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      es hat mir wirklich gut gefallen. Ich hoffe, dass Scott Bergstrom bald einen weiteren Thriller veröffentlicht.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  2. Das klingt echt gut :D Kommt direkt mal auf meinen Merkzettel.
    Danke für die Vorstellung!

    Liebe Grüße
    Sas

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    1. Liebe Sas,

      ich freue mich, dass ich deine Wunschliste füttern durfte ;-).

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  3. Guten Morgen, meine Liebe!

    Ich habe das Buch am Wochenende angefangen zu hören und bin jetzt grad etwas über der Hälfte angekommen ... Habe aber bereits jetzt einige Kritikpunkte, da ich die Entwicklung von Gwen nicht stimmig finde. Werde jetzt nicht ins Detail gehen, weil Spoiler, aber ich denke nicht, dass meine Bewertung am Ende so gut ausfallen wird wie deine.

    Liebe Grüße
    Ascari

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    1. Liebe Ascari,

      dann bin ich mal auf deine Rezension gespannt. Aber Hörbuch, oh ne, das ist nichts für mich ;-).

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  4. Hello again,

    eigentlich wollte ich mir nur fix ein paar Entscheidungshilfen suchen und ich hatte die Tage schon gesehen, dass du "Cruelty" besprochen hast - aber entscheiden kann ich mich irgendwie immer noch nicht, ob ich das oder ein anderes Rezi-Buch zuerst lesen will. Manno! Solche Probleme haben auch nur Bibliophile, oder? Hmpf.

    Na mal sehen, Deine Endbewertung lässt die Waagschale auf jeden Fall etwas eindeutiger tendieren ... aber das andere Buch ... ach. Ach! *gg*

    Liebe Grüße noch mal,
    Jess

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    1. Liebe Jess,

      wir Bibliophilen haben schon ganz schön Stress *grins*.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  5. Mir ist das Buch am Wochenende eigentlich zum ersten Mal aufgefallen als es mir in der Buchhandlung mit dem orangefarbenen Buchschnitt direkt ins Auge gesprungen ist. Vom optischen Eindruck her hätte ich das Buch am liebsten direkt mitgenommen aber beim Lesen des Klappentextes war ich dann doch ein wenig skeptisch ob das Buch nicht vielleicht eher in Richtung YA-Thriller geht – die finde ich oft nämlich nicht so wahnsinnig spannend.

    Da es aber anscheinend ja doch ordentlich zur Sache geht und deine Rezension so positiv ausfällt, darf das Schmuckstück dann vielleicht doch bald bei mir ins Regal einziehen :)

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    1. Lieber Sebastian,

      die orangefarbenen Buchseiten finde ich auch sehr ansprechend. Young Adult würde ich es nicht einordnen, obwohl es zunächst so erscheint. Aber dann entwickelt sich die Hauptprotagonistin schneller als sie möchte zur erwachsenen.

      Lieben Dank für deinen Besuch.

      Herzliche Grüße

      Nisnis

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