Autobiographie - Der letzte Überlebende von Sam Pivnik

14 März 2017

Rechts Leben. Links Tod. 

Häftling 135913

Bedrückendes Zeugnis des Auschwitz-Überlebenden Sam Pivnik

Sam Pivnik war gerade mal 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Mit der Familie lebte er in einem oberschlesischen Städtchen, der Vater war Schneider und stopfte den Leuten die Hosen. Da wurde aus dem Städtchen ein Ghetto, und Sam, der damals noch »Szlamek« hieß, war mittendrin. Er überlebte, auch den Todesmarsch nach Auschwitz, die Selektion durch Mengele, die Zwangsarbeit, den Schiffbruch auf der Cap Arcona. 

In den kurzen Jahren seiner Kindheit und Jugend entging er vierzehn Mal dem Tod. Der Krieg ließ keine Möglichkeit, an ein Morgen zu denken. Und wen interessierte nach dem Krieg das Gestern? Am Ende seines unglaublichen Lebens gelingt es Pivnik, einem der letzten Überlebenden von Auschwitz, über seine Erlebnisse zu sprechen. (Quelle: Theiss Verlag)



1926 geboren, wächst Sam im schönen oberschlesischen Städtchen Bedzin auf. Am 1. September 1939, Sams 13. Geburtstag, überfallen die Deutschen Polen. Über das, was dann geschah, hat Sam Pivnik lange geschwiegen. Er lebt heute in einem Seniorenheim in London.


Es gibt kaum ein Buch, das mich bisher mehr bedrückt und berührt hat, als Der letzte Überlebende von Sam Pivnik. Es hat mich nicht nur emotional tief betroffen gemacht, sondern es hat auch einen unfassbar großen Zorn und eine brennende Wut in mir entfacht. Es hat mir eine besondere Sichtweise auf ein historisches Geschehen offenbart, von der ich bisher, in dieser intensiven und persönlichen Form, noch nicht gelesen habe, obwohl ich bereits einschlägige Literatur über diese Zeit gelesen haben. Es hat mir zudem mein Wissen über diese schicksalsträchtige, grauenbehaftete Zeit, bereichert, wenn es mich auch unfassbar traurig gestimmt hat und nunmehr nicht mehr loslässt.

Inzwischen sind bereits vier Wochen vergangen, nach dem ich das Buch beendet habe und noch immer geistern ganze Kapitel, Sätze und Bilder immer wieder durch meinen Kopf, die ich ungewollt, wohl noch nicht in ihm archivieren kann. Die folgend zusammengestellten Zitate, werden sicher andeutungsweise aufzeigen, wie sehr die Worte dieser wahren, absurden Geschichte fesseln und zunächst nicht mehr loslassen.

 Das Sam Pivniks Geschichte ist lebendig von ihm erzählt und ein reales Zeugnis des Schreckens. Das er Auschwitz überlebt hat, während seine Familie von den Nazis im Konzentrationslager ausgelöscht wurde, ist ein Wunder.

Seine jüngste Kindheit empfindet er wie ein Leben im Garten Eden. Als 1939 die Deutschen in Polen einmarschierten, war Sam dreizehn Jahre alt. Er sieht mit an, wie die Synagoge seines Heimatdorfes niedergebrannt wird, die Welt Stück für Stück zerfällt und die Tage zu tief dunkler Nacht werden, die sich niemals mehr erhellen.

Er ist siebzehn Jahre alt, als er nach Auschwitz Birkenau deportiert wird. Seine Familie verliert er bereits bei Ankunft an der Rampe, als eine Selektion von hunderten die noch folgen sollten, mit einem Wink nach Links oder Rechts, willkürlich über Tod und Leben entschied.

Sam Pivnik erzählt nicht nur von großen, zusammengefassten, bereits bekannten Ereignissen, sondern auch von den kleinen, persönlichen und alltäglichen Dingen im Konzentrationslager. Besonders diese Schilderungen spiegeln die grauenhafte gelebte, endlose und hilflose Verzweiflung und Ausweglosigkeit wieder, denen er und seine KZ-Mithäftlinge, Tag und Nacht ausgeliefert waren.

Als Rezensentin stellt sich mir bei diesem Werk nicht die Frage nach Stil, Ausdruck und Plot, denn Sam Pivniks Leben führt die schreibende Feder und kein literarischer Anspruch. Dennoch bewerte ich Der letzte Überlebende mit fünf Bewertungssternen, da es für uns Nachkommen, trotz der schrecklichen und grauenvollen Schilderungen, so wichtig, beeindruckend und wertvoll ist.

Ich möchte dieses Buch gern als Pflichtlektüre deklarieren, für Schüler und Lehrer, für all diejenigen, die versuchen zu ergründen, zu verstehen und für die, die ihr Wissen etwas vervollständigen möchten.

Im Besonderen möchte ich all jene „zwingen“ dieses Buch zu lesen, die sich verachtenswerterweise erlauben, unwissend wie sie sind, zu urteilen und zu verhöhnen.

Nichts auf der Welt kann diese absurden Taten jemals rechtfertigen und jemals entschuldigen.

Diese Verbrechen, an mehreren Generationen von Menschen, erfüllen mich mit ehrlicher und tief empfundener Scham und ich werde diese Verbrechen, ihre Entstehung und die scheinbar unmögliche Verhinderung niemals begreifen.


Der letzte Überlebende ist das bedrückende, wahre Zeugnis absurder, menschenverachtender Verbrechen des zweiten Weltkriegs. Es ist die Lebensgeschichte von Sam Pivnik, der das unfassbare Grauen in Auschwitz überlebt hat.

Dieses Buch wird bei jedem Leser Spuren bedrückenden Wissens hinterlassen, die mit dem Zuklappen des Buchs nicht verwischt werden können.


Autor: Sam Pivnik

Erscheinungsdatum Erstausgabe: 01.03.2017
Aktuelle Ausgabe: 01.03.2017
Fester Einband 304 Seiten
Sprache: Deutsch


"Was war das hier für ein Ort, an dem Männer mit dem Knüppel bewusstlos geschlagen wurden, nur, weil sie eine höfliche Frage gestellt hatten? An dem Verrückte im Schlafanzug einen heimlich zuflüsterten, man solle ein falsches Alter angeben?"

***

"Ich schloss einfach die Augen, und die ganze Nacht gingen mir die Worte des Tätowierers nicht aus dem Kopf: „Deine Familie ... sie sind wahrscheinlich schon im Himmel.“"

 *** 

"Während ich die Fragen noch beantwortete, spürte ich plötzlich einen scharfen Schmerz am linken Unterarm. Ein Helfer hatte auf meine noch feuchte Haut mit Tinte eine Nummer geschrieben und kratzte jetzt mit einer großen Nadel darüber, die an einem Stück Holz befestigt war. Instinktiv zog ich den Arm weg, aber er packte mein Handgelenk, knallte meinen Arm auf den Tisch und befahl mir, stillzuhalten. Er knurrte mit einem deutschen Akzent, den ich noch nie vorher gehört hatte, er müsse mir die Nummer eintätowieren. Aber Tätowierungen sind für Juden undenkbar."

***

"Ja, es gab hier eine Menge zu verstehen. Eine Menge zu lernen. Wer das nicht schaffte, starb. Wir befanden uns in Auschwitz-Birkenau, dem tödlichsten Vernichtungslager, das sich die Nazis ausgedacht hatten. Hier sangen keine Vögel."

***

"Zeit. Man weiß nicht, wie sehr man sie vermisst, bis sie einem genommen wird. In der Schule lebten wir nach der Uhr. Zuhause gab es die Rituale der Malzeiten, selbst noch auf dem Kamionka. In der Fabrik stempelten wir ein und aus. Aber in Auschwitz gab es keine Uhren. Wir arbeiteten einfach, bis man uns befahl aufzuhören. Oder bis wir umfielen."

***

"Ich kannte die Abläufe inzwischen. Die Starken und die Jungen, Männer und Frauen, durften weiterleben. Sie durchliefen dieselbe Prozedur wie ich, die sinnlose Quarantäne in Block IIa oder dem entsprechenden Frauenblock. Dort starben einige von ihnen an Erschöpfung, Unterernährung oder Krankheiten. Andere gerieten unter die Stiefel und Knüppel der Kapos. Die Übrigen ..., die Übrigen wurden auf ihrem letzten Weg von Männern wie mir begleitet, von Männern in gestreiften Uniformen, die nur darauf warteten, Befehle auszuführen. Die Spezialeinheit, die ein ganzes Volk zu den Toren des Todes führte."

***

"Ich glaube nicht, das irgendjemand nach dem Namen des Mittels fragte, aber tatsächlich war es Zyklon B, das in Dosen aufbewahrt wurde, die Kaffeedosen glichen. Blausäure. In einem solchen Lager konnte man nicht vorsichtig genug sein. Es kamen jeden Tag so viele Menschen hier an, und sie kamen aus den Ghettos, wo Seuchen grassierten. Das Entlausen war also sehr wichtig. Läuse übertrugen Typhus, und Typhus war nur allzu oft tödlich. Das alles erzählten ihnen die SS-Leute. Was sie ihnen nicht erzählten, war, dass Zyklon B immer tödlich ist."

***

„Innerhalb von vierundzwanzig Stunden konnten im Krematorium I 340 Leichen verbrannt werden. Krematorium II konnte 1440 Leichen aufnehmen, III weitere 1440, IV und V jeweils 768. Das gibt die entsetzliche Zahl von 4756 Leichen pro Tag."

***

"Ich lebte mit diesem Wissen, oder mit einem Teil dieses Wissens, solange ich an der Rampe arbeitete. Manchmal überwältigte mich der Gedanke, und ich versank in einer unbeschreiblichen Verzweiflung. Aber mein Überlebenswille verließ mich nicht, ebenso wenig wie der Wille weiterzumachen, Tag für Tag, irgendwie auszuhalten, was die verfluchten Nazis mir antaten.“

Kommentare:

  1. Jetzt habe ich beim Lesen deiner Rezension nochmal Gänsehaut bekommen.

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  2. Ja, liebe Manuela. Diese Gänsehaut verfolgt mich auch sehr intensiv. Beim schreiben der Rezension ist mir mehrfach die Kälte den Rücken rauf geklettert und doch kann man mit Worten kaum beschreiben, was man auf diesen Seiten gelesen hat.

    Liebe Grüße

    Nisnis

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  3. Liebe Nisnis,

    ich finde deine Worte für dieses Buch ganz wundervoll. Ich habe bisher nur die Leseprobe des Buches gelesen und war davon schon sehr erschüttert, werde das Buch aber bestimmt noch ganz lesen.

    Danke für deine Rezension!

    Liebe Grüße
    Silke

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    1. Liebe Silke,

      erschüttert, dieses Wort ist mir während des rezensierens nicht eingefallen. Es trifft es auf den Punkt.

      Auch wenn dich das Buch erschüttern wird, es wird dich aber genauso auch bereichern.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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  4. Was für schöne Worte für dieses wohl sehr aufwühlende und erschütternde Buch. Die Lebens- und Leidensgeschichte Überlebender des Holocaust lese ich auch immer wieder. Da sich mich oft tief berühren und manchmal auch verzweifelt zurücklassen bei soviel gelebter Verachtung und Hass gegenüber Menschen, kann ich solche Bücher nicht immer lesen, da muss ich den richtigen Zeitpunkt finden, es zu ertragen. Vielen lieben Dank für deine wunderbaren Worte, dieses Buch werde und muss ich einfach lesen.

    LG Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      ich stimme dir natürlich zu, diese Art der Literatur und erschütternder Handlungen, kann man nur in besonderen Momenten lesen.

      Viele Grüße

      Nisnis

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  5. Liebe Nisnis,

    ich werde Deine Rezi auf jeden Fall noch lesen, denn das Buch will ich auch unbedingt lesen. Aber für heute Abend ist mir das Thema zu schwer.
    Doch ich wollte Dir einfach mal wieder liebe Grüße da lassen.
    Ich hoffe, es geht Dir gut?

    Liebe Grüße
    Lilly

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    1. Sehr lieb von dir Lilly und es freut mich sehr, dass du dieses Buch lesen wirst.

      Liebste Grüße

      Nisnis

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    2. Eine wirklich gute Rezi. Die Fotos sind ja schon sehr eindrücklich. Ich war mal mit der Schule in Dachau. Diese Bilder von übereinander liegenden Leichen ist mir auch immer noch im Kopf.

      Und ja, bei mir löst es auch immer Wut und Scham aus. Und es ist mir einfach unbegreiflich, wie Menschen diesen Teil unsere Geschichte vergessen können.

      Ich weiß nicht, ob es bei Dir war, wo ich es geschrieben habe. Aber es macht mir Angst, dass die letzten Überlebenden nun bald sterben und niemand mehr da ist, der mahnen kann.

      Liebste Grüße
      Lilly

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  6. Da legt sich einem schon beim Lesen Deiner Rezension ein Druck auf die Brust. Gar nicht vorstellbar, wie es ist, so ein Schicksal selbst durchstehen zu müssen.
    Mir gingen die gleichen Gedanken wie Dir durch den Kopf - man müsste das Buch zur Pflichtlektüre machen für alle. Selbst wenn man informiert ist und die Vergangenheit nicht wegschiebt, vergisst man doch, wozu der Mensch fähig sein kann, oder will es nicht wahrhaben. Da sind solche Erinnerungen und ein Wachrütteln immer wieder angebracht.

    LG Gabi

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    1. Liebe Gabi,

      die erschütternden Wahrheiten müssen unbedingt wach bleiben.

      Liebe Grüße

      Nisnis

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