Roman - Museum der Erinnerung von Anna Stothard

16 Juli 2017

All das Zerbrechen

Berührender Roman über verzehrende Schuldgefühle

Zum 20. Jahrestag des Naturkundemuseums, soll die junge Konservatorin Cathy für ihre Forschungsarbeit über Falter ausgezeichnet werden. Das freudige Ereignis rückt jedoch plötzlich in den Schatten, da sie am Morgen ein Päckchen von ihrem Ex-Freund Daniel erhält, deren Inhalt für sie eine Drohung darstellt.

Cathy war vor vier Jahren vor ihm geflüchtet. In LA hatte sie sich dann in Tom verliebt, mit dem sie aus beruflichen Gründen nach Deutschland gegangen ist und an dessen Seite sie sich stets sicher gefühlt hat.

Einzelne Erinnerungsstücke ihrer Vergangenheit, von der sie Tom jedoch nie erzählt hat, verwahrt sie in Form einer Sammlung im Museum auf. Kurz vor ihrer Auszeichnung auf der Museums-Gala taucht Daniel plötzlich im Museum auf und verlangt von ihr, ihm ihre Sammlung mit den besonderen Erinnerungsstücken zu zeigen. In seiner Gegenwart fühlt sich Cathy plötzlich wieder klein und bedürftig. Sie wird zurück katapultiert, in ein Leben und in einen Sommer, in dem sie zehn Jahre alt war. In diesem Sommer verlor sie ihren besten Freund Jack.


Anna Stothard, geboren 1983 in London, wuchs in Washington, Peking und New York auf. Nach dem Abschluss in Englischer Literatur in Oxford bekam sie ein Stipendium des American Film Institute in Los Angeles, wo sie zwei Jahre Drehbuch studierte. Anna Stothard lebt zurzeit in London. (Quelle: Diogenes Verlag)


Anna Stothard schreibt in einer bildhaften, wunderschönen Sprache und sie zaubert mit ihrem detailreichen Ausdruck ein sehr intensives Bild vom britischen Strand Lee-Over-Sands und dem besonderen Sommer, den die zehnjährige Cathy mit ihrem kleinen Freund Jack verbracht hat.

Der kleine Jack, schüchtern, labil und zart, wächst mental an Cathys Seite. Er gewinnt an Selbstvertrauen und Stärke und er teilt ihre Sammelleidenschaft, alles am Strand aufzuheben und wie einen Schatz zu behüten. Muscheln, Haifischzähne, Treibholz, all das bewundern diese beiden Kinder und sie verbringen einen unbeschwerten schönen Sommer, bis er dramatisch zu Ende geht.

So anmutig wie Anna Stothard ihre Geschichte erzählt, kann man das Meer rauschen hören, man schmeckt das Salz des Meeres und man fühlt plötzlich kleine Sandkörner.

Ein paar Jahre später geht Cathy eine Beziehung mit Daniel ein, doch es ist nicht Liebe, was die zwei verbindet. Cathy wird klein gehalten, geschlagen und erniedrigt. Cathy wehrt sich nicht, denn sie glaubt, dass sie dieses Leben so verdient hat. Diese Gewalt deutet die Autorin stellenweise nur an und doch sträuben sich einem die Nackenhaare.

Die Spannung wird durch geschickte Perspektivwechsel erzeugt. In der Gegenwart erlebt man Cathy kurz im Alltag mit ihrem Freund Tom und dann als sie im Museum auf die Auszeichnung wartet und Daniel plötzlich auftaucht. Während sie ihre Erinnerungsstücke betrachtet, wechselt die Perspektive in die Vergangenheit ihrer Kindheit und zu ihrer eskalierenden Beziehung mit Daniel. Diese Perspektivwechsel fesseln zwar, aber die Neugierde nimmt immer weiter ab, da die Handlung nur sehr schleppend und nur mit wenigen Highlight bereichernd weiterentwickelt wird. Anna Stothard liefert einfach zu wenig Inhalt. Dadurch regt sie zwar die eigene Fantasie des Lesers an, aber auch rückblickend, ist das einfach zu dünn, um ein überzeugendes und vollumfängliches Leseerlebnis zu schaffen.

Die Zeichnungen der Charaktere sind ebenso dünnhäutig. Wohl aber rückt die Emotionalität der Figuren in den Vordergrund und das macht vieles wett. Einzig die Figur der unnahbaren und stillen Cathy ist intensiv dargestellt.

Das Museum der Erinnerung ist ein geheimnisvoll wirkender Roman über verzehrende Schuldgefühle und auch Liebe, aber emotional Zerbrochenes und Unausgesprochenes dominieren diesen Roman. Das Ende ist nicht vorhersehbar und es überrascht, aber genau so hatte ich es mir gewünscht.


Museum der Erinnerung ist ein berührender Roman, der in einem anmutigen Stil und in einer schönen Sprache geschrieben ist. In dieser emotional intensiven Story überwiegen das emotional Zerbrochene, das Unausgesprochene und verzehrende Schuldgefühle. Inhaltlich ist die Handlung etwas dünn weiterentwickelt worden, insgesamt jedoch noch ein angenehmes Leseerlebnis.


©nisnis-buecherliebe

Weitere Rezensionen:

Fiktive Welten

Nicoles Bücherwelt

I AM JANE



Erscheinungsdatum Erstausgabe: 26.04.2017

Aktuelle Ausgabe: 26.04.2017

Verlag: Diogenes

Flexibler Einband

Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Liebe Anja,
    eine schöne Rezi zu einem Buch das wohl zu berühren weiß. Deine Kritikpunkte zum dünnen Inhalt und die Thematik sagen mir das es diesmal kein Buch ist, was mich persönlich reizen würde. Deine schöne Rezi habe ich aber sehr gerne gelesen.

    Liebe Grüße
    Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Tanja,

      für mich hätte die Handlung noch etwas mehr liefern müssen, dennoch habe ich diesen Roman sehr gern gelesen, da mir der Stil der Autorin sehr gefallen hat.

      Viele liebe Grüße

      Anja

      Löschen
  2. Ja da kann ich Tanja nur zustimmen. Ganz liebe Grüße Manuela

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Manuela,

      ja, du brauchst Mord und Totschlag, ich verstehe ;-).

      Liebe Grüße

      Anja

      Löschen
  3. Liebe Anja,

    eine sehr schöne Rezension, ich bin da ganz deiner Meinung. Ein sehr lesenswerter Roman.
    Vielen Dank fürs verlinken! :)

    Liebe Grüße
    Nicole

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nicole,

      Dankeschön. Der Schreibstil war wunderbar, doch leider fehlte mir inhaltlich ein bisschen mehr Pfeffer.

      Liebe Grüße

      Anja

      Löschen
  4. Hallo Anja,

    mit den Beschreibungen von Lee-Over-Sands ging es mir ganz genauso. Das Kopfkino hat mich einfach an Ort und Stelle versetzt. Fabelhaft!

    Was den dünnen Inhalt anbelangt, kann ich nachvollziehen, was du meinst. Allerdings mag ich gerade diese Art laue Andeutungen und Hinweise, sprich die Freiheit, mir meine eigenen Gedanken machen zu können. Ist vielleicht eine Sache subjektiven Geschmacks. Ich bin auch dieser seltene Typ Leser, der offene Enden liebt. Ist ja auch nicht jedermanns Sache. ;o)

    Liebe Grüße
    Patricia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Patricia,

      du hast schon recht, auch diese lauen Andeutungen haben schon etwas fesselndes, aber in diesem Buch fehlte mir dann doch der letzte Pfiff.

      Offene Enden, och, ja, das mag ich auch durchaus, da wo es passt. Oder so gemeine, knisternde Cliffhanger am Schluss, sind auch nicht zu verachten ;-).

      Liebe Grüße

      Anja

      Löschen
  5. Liebe Anja,
    ich liebe deine Art der Buchvorstellungen ♥
    Mein Deutschlehrer hätte daran mehr Gefallen gefunden als an den meinigen ;)

    So bald die Tage wieder länger werden (das werden sie ja schon) - so ab November, verbringe auch ich wieder mehr Zeit in Büchern. Für Inspirationen werde ich mich auf alle Fälle bei dir umschauen.

    ♥liche Grüße
    Ellen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Ellen,

      Dankeschön für dein liebes Kompliment, das mich total motiviert genau so weiterzuschreiten.

      Du bist immer willkommen :-).

      Liebe Grüße

      Anja

      Löschen